Wehrpflicht oder Freiheit: Was bedeutet die Zukunft für Berlins Jugendliche?
Heute ist der 4.06.2026 und in Pankow, genauer gesagt am Käthe-Kollwitz-Gymnasium, brodelt es gewaltig. Schülerin Olena Ushakova hat sich in einer Podiumsdiskussion zu Wort gemeldet und eine Frage aufgeworfen, die viele Jugendliche bewegt: „Soll ich meine ganzen Zukunftspläne wegen eines möglichen Wehrdienstes aufgeben?“ Ein Thema, das nicht nur die Schüler, sondern auch die Politik beschäftigt.
Die Veranstaltung, unter dem Motto „Niemand hat Bock auf Kaserne – Kommt jetzt also die Wehrpflicht, Herr Staatssekretär?“ zog rund 200 interessierte Schülerinnen und Schüler an. Staatssekretär Jan Stöß aus dem Bundesverteidigungsministerium und Ulrich Klotzek, ein Wehrdienstverweigerer aus der DDR, diskutierten hitzig über die Lage der Bundeswehr. Während Klotzek die Bedrohung durch Russland als übertrieben einstuft, räumt Stöß ein, dass die Bundesregierung möglicherweise eine Rückkehr zur Wehrpflicht in Betracht ziehen muss, um das ambitionierte Ziel von 460.000 Soldaten bis 2035 zu erreichen.
Die Meinungen der Schüler
Unter den 136 befragten Schülern lehnen 65,4 % einen Wehrdienst im Falle einer Pflicht ab. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass viele, wie der Schüler Nuri Falkenberg, fordern, die Konzentration auf Technologieentwicklung zu richten, anstatt auf Personalzuwachs. Maite Beecken ist da etwas optimistischer: Sie sieht die Stärkung der Armee als notwendig an, hofft aber insgeheim, dass es nicht zur Wehrpflicht kommt.
Ein Punkt, der die Schülervertreter besonders ärgert, ist die Tatsache, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Klotzek bringt es auf den Punkt: „Die Bundeswehr muss vor allem für Frauen attraktiver werden.“ Das ist ein guter Ansatz, denn das Interesse an einer Karriere in der Bundeswehr könnte so vielleicht gesteigert werden.
Der Blick in die Zukunft
Die Pläne der Bundeswehr sind ehrgeizig. Bis Anfang 2026 wird die Truppenstärke auf etwa 186.000 aktive Soldatinnen und Soldaten ansteigen – der höchste Personalstand seit 12 Jahren. Bis 2035 soll diese Zahl auf 260.000 wachsen. Auch die Zahl der Reservisten soll von 100.000 auf 200.000 verdoppelt werden. Der Wehrdienst soll von der Bundesregierung neu strukturiert werden, mit jährlichen 30.000 neuen Soldatinnen und Soldaten, die gewonnen werden sollen. Ein Fragebogen zur Eignung wird zum 18. Geburtstag an alle jungen Männer verschickt, während Frauen, die sich für den Dienst interessieren, diesen freiwillig beantworten können.
Das Thema Wehrpflicht betrifft bisher nur Männer, eine Verpflichtung für Frauen würde eine Grundgesetzänderung erfordern – da bleibt nur abzuwarten, ob und wann es dazu kommt. „Es ist wichtig, dass junge Menschen in diesen Prozess einbezogen werden“, mahnt ein Sprecher der Jusos. Auch der Vorsitzende der Linken, Pellmann, sieht die Wiedereinführung der Wehrpflicht als nicht unwahrscheinlich an. Die Zustimmung des Bundestages wäre jedoch notwendig, und die Bundesregierung ist sich bewusst, dass eine Grundgesetzänderung Zeit braucht.
Ein wenig Humor kann in dieser ernsten Debatte nicht schaden, und so lädt Stöß die Schüler zum Tag der offenen Tür der Bundeswehr ein. Ein Versuch, den jungen Menschen die Bundeswehr näherzubringen. Doch ob das ausreicht, um das Vertrauen und das Interesse der Jugend zu gewinnen? Das bleibt abzuwarten.
