Queere Wohnungslosigkeit in Berlin: Ein Kampf um Sichtbarkeit und Unterstützung
In der pulsierenden Stadt Berlin leben viele Gesichter – unter ihnen auch die der LGBTIQ-Community, die oft im Schatten der Gesellschaft kämpft. Schätzungen zufolge sind zwischen 7.000 und 10.000 queere Menschen in Berlin wohnungs- oder obdachlos. Das ist eine erschreckende Zahl, die noch durch die Vermutung einer höheren Dunkelziffer getoppt wird. Die Realität zeigt, dass viele Betroffene nicht dauerhaft auf der Straße leben, sondern bei Freunden, in Hostels oder Notunterkünften unterkommen. Doch das Hilfesystem in der Stadt ist historisch vor allem auf heterosexuelle cis Männer ausgerichtet, was es für queere Menschen besonders schwierig macht, die benötigte Unterstützung zu erhalten.
Ein Beispiel ist Marc, 34, der 2021 aus Irland nach Berlin zog. Nach dem Ende seiner Beziehung fand er sich 2023 ohne Wohnung wieder. Zunächst lebte er in einem günstigen Hostel, doch nach der Schließung seines Arbeitsplatzes war er gezwungen, auf der Straße zu schlafen – oft rund um den Helmholtzplatz. Seine queere Identität lebte er anfangs offen aus, trug auffällige Kleidung und lackierte Fingernägel. Doch die Realität sieht oft anders aus: Homophobe Kommentare von anderen Wohnungslosen prägten seine Erfahrungen und führten dazu, dass er sein Auftreten anpasste, als er mit einem anderen Mann ein Zimmer teilen musste.
Herausforderungen im Hilfesystem
Das Hilfesystem ist für viele queere Wohnungslose ein Labyrinth. Aus Angst vor Diskriminierung halten sich viele davon fern oder verschweigen ihre Identität. Laut Queerhome ist Queersein häufig eine Ursache für Wohnungslosigkeit oder macht den Weg zurück in eine eigene Wohnung umso beschwerlicher. Die Sensibilität, mit der queere Menschen untergebracht werden, variiert stark je nach Bezirk und dessen „Regenbogenwissen“. Einige Fachkräfte aus Behörden und Verwaltungen haben bereits Schulungen zu gendergerechter Sprache absolviert, doch der Weg zur tatsächlichen Inklusion bleibt lang. Die Hilfen nach §§ 67 ff. SGB XII sind nur ein Teil der Lösung. Sie sollen Betroffenen zur Selbsthilfe verhelfen und ein menschenwürdiges Leben sichern – doch das ist oft leichter gesagt als getan.
In Berlin gibt es zahlreiche Projekte, die sich speziell an queere wohnungslose Menschen richten. Insgesamt bestehen 127 Vereinbarungen nach § 76 SGB XII mit 49 Leistungserbringern, darunter auch einige, die sich explizit um die Bedürfnisse der LGBTIQ-Community kümmern. Dennoch bleibt das Angebot begrenzt. Ein Beispiel für eine gelungene Initiative ist „Housing First Queer“ der Schwulenberatung Berlin, die ein explizit queer-freundliches Angebot bereitstellt. Leider sind solche Einrichtungen rar gesät.
Die Suche nach einem Platz
Marc hat während seiner Zeit auf der Straße Gewalt und Misstrauen gegenüber Hilfsangeboten erlebt. Heute hat er wieder Arbeit und ein Bett in einer Einrichtung für Wohnungslose gefunden. Doch die Erinnerungen an die rauen Nächte und das ständige Gefühl der Gefahr, das ihn begleitet, sind nicht einfach abzuschütteln. „Ich hoffe, in den nächsten Monaten eine eigene Wohnung zu finden“, erzählt er, während sein Blick in die Ferne schweift. Die Herausforderungen, die queere Menschen auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft begegnen, sind enorm. Laut einer Feldstudie von 2025 erhielten trans und nicht-binäre Bewerberinnen seltener Zusagen für Wohnungen als cis Personen. Diese Diskriminierung macht den ohnehin schon schwierigen Weg zur eigenen Wohnung noch steiniger.
Die Berliner Politik hat sich das Ziel gesetzt, Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden. Ein ambitioniertes Vorhaben, das mit einem Budget von etwa 3,65 Millionen Euro für das Jahr 2026 unter dem Motto „Housing First“ unterstützt werden soll. Doch die Realität sieht anders aus: Die Zahl der behördlich untergebrachten wohnungslosen Menschen stieg von rund 40.000 Anfang 2023 auf fast 54.000 Anfang 2025. Ein klares Indiz dafür, dass die Maßnahmen nicht ausreichen, um dem tatsächlichen Bedarf gerecht zu werden.
Ein Lichtblick in der Dunkelheit?
Die Erfahrungen von Marc sind eine von vielen, die die Dringlichkeit verdeutlichen, mit der die Stadt handeln muss. Der Arbeitskreis QUEERWOHNEN hat Handlungsempfehlungen veröffentlicht, die auf die Notwendigkeit einer queer-inklusiven Wohnungsnotfallhilfe hinweisen. Die Empfehlungen sind nicht nur für Berlin gedacht, sondern sollen auch auf andere Bundesländer und Kommunen übertragbar sein. Es ist an der Zeit, dass queere Menschen in der Wohnungsnot die Unterstützung und den Respekt erhalten, den sie verdienen. Die Stadt steht vor der Herausforderung, ein inklusives Hilfesystem zu schaffen, das die Bedürfnisse aller Menschen ernst nimmt.
Mit jedem Schritt, den Marc auf seinem Weg in eine stabilere Zukunft macht, wird deutlich: Es braucht mehr als nur Worte. Es braucht Taten, Verständnis und eine Gesellschaft, die bereit ist, sich für die Rechte und Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder einzusetzen. Und während die Kälte der Berliner Nächte für viele eine ständige Bedrohung darstellt, ist es die Wärme menschlicher Verbundenheit, die Hoffnung bringen kann.
