Die Deutschen Oper Berlin wurde am 24. Oktober 2026 zum Schauplatz einer Inszenierung, die nicht nur musikalisch, sondern auch politisch aufhorchen lässt. Milo Rau, der Schweizer Theatermacher, hat sich mit Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ ein ganz besonderes Projekt vorgenommen. Diese Aufführung verknüpft die tiefgründigen Klänge der Oper mit hochaktuellen Themen: dem Holocaust, der deutschen Schuld, dem Konflikt zwischen Israel und Palästina, sowie dem Krieg in Gaza, der nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober in aller Munde ist. Rau nutzt die Bühne, um die komplexen Verflechtungen von Kunst und Geschichte sichtbar zu machen.

Bereits beim Betreten der Oper spürte man die Anspannung in der Luft. Polizeiwagen standen bereit, Handschellen klirrten, und die Besucher wurden aufgefordert, ihre Taschen zu öffnen. Ein Prolog, der mit bewegenden Videobildern durch Israel führte, ließ den Zuschauer nicht kalt: Holocaust-Überlebende, Teilnehmer der Olympischen Spiele von 1972 und Menschen, die den Schock des 7. Oktober überlebt hatten, wurden in eindringlichen Bildern präsentiert. Die Musik Wagners ertönte an symbolträchtigen Orten, von U-Bahnhöfen bis zur Klagemauer. Ein provokanter projizierter Text forderte: „Wagner müsste überall verboten werden, außer in Israel.“

Politische Symbolik und Figuren

In der Inszenierung wird jede Figur einer politischen Symbolik zugeordnet. Der Holländer verkörpert Deutschland und die damit verbundene Schuld, während Senta für Israel steht. Erik wird als „stolzer Palästinenser“ charakterisiert und Mary als der „Schild Israels“, die Erik erschießt. Daland, der die Ankunft des Holländers mit Kisten aus BASF tauscht, wird als Gründer des Staates Israel dargestellt. Diese politischen Zuschreibungen sind nicht einfach nur eine künstlerische Freiheit, sie werfen Fragen auf und fordern zur Reflexion über die eigene Schuld und Verantwortung auf.

Die Handlung greift verschiedene historische Ereignisse auf – von der Nakba über das Olympia-Attentat bis hin zur Einweihung des Berliner Holocaust-Mahnmals. Rau lässt die Figuren auf einer Grabstele mit einer Israel-Flagge Sex haben, was den Zuschauer gezielt provoziert. Die Inszenierung endet mit einem eindringlichen Bild: Die Sonne über dem zerstörten Gazastreifen. Ein Schlussappell fordert einen Wechsel von Schuld zu Verantwortung – und dieser Verantwortung müssen wir uns alle stellen, auch im Hinblick auf die Palästinenser.

Kritik an der musikalischen Darbietung

Doch nicht nur die inhaltliche Schärfe sorgte für Diskussionen. Auch die musikalische Darbietung wurde kritisch unter die Lupe genommen. Tomasz Konieczny, der den Holländer sang, brach während des zweiten Aktes ab. Derek Welton übernahm die Partie und sang mit einem improvisierten Notenständer weiter. Intendant Aviel Cahn erklärte, dass Konieczny bereits die gesamte Woche über krank war. Aušrinė Stundytė, die Senta gab, wurde als stimmlich überfordert beschrieben, während Tareq Nazmi als Daland und Attilio Glaser als Erik positive Erwähnung fanden. Die Dirigentin Giedrė Šlekytė dirigierte laut und kantig, und im dritten Akt war der Chor zeitweise nicht mehr im Einklang mit dem Orchester.

Raus Ansatz ist nicht nur künstlerisch, sondern auch dokumentarisch. Vor der Premiere reiste er mit seinem Team zehn Tage durch Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete, sprach mit Überlebenden des Olympia-Attentats und Menschen, die unter den aktuellen Konflikten leiden. Rau sucht eine Form der „Erlösung“ für eine Figur, die das deutsche Volk und dessen Bewusstsein repräsentiert. Wagners Musik, die selbst von seinem Antisemitismus belastet ist, wird als Teil dieser komplexen Debatte mit einbezogen.

Ein umstrittenes Erbe

Richard Wagners Verhältnis zum Judentum ist ambivalent und gehört zu den problematischsten Seiten seines Schaffens. Historiker wie Saul Friedländer stellen fest, dass Wagners Antisemitismus in der Zeit des Nationalsozialismus nicht als Begründung für die Judenverfolgung genutzt wurde. Wagner war Hitlers Lieblingskomponist, aber seine antisemitischen Äußerungen zielten nicht auf die physische Vernichtung der Juden ab. Stattdessen wollte er eine Integration durch die Aufgabe der jüdischen Identität erreichen. Diese widersprüchliche Haltung spiegelt sich auch in Raus Inszenierung wider, die sowohl Wagners musikalisches Erbe als auch die damit verbundenen moralischen Fragen in den Vordergrund stellt.

Raus Arbeit ist ein mutiger Tabubruch, der Wagners Musik in einen Kontext stellt, der weit über die Opernbühne hinausgeht. Die Verbindung von Wagners Werk mit aktuellen Konflikten und historischen Verstrickungen ist mehr als nur ein Experiment – es ist eine Einladung zur Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und Gegenwart. Die Premiere von „Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin ist somit nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern auch ein gesellschaftlicher Diskurs, der zum Nachdenken anregt.