Kreuzberg im Wandel: Die vergessene Geschichte der migrantischen Frauenbewegung
In Kreuzberg, wo die Straßen von bunten Graffitis und dem Duft von frisch gebackenem Brot erfüllt sind, blüht auch der Garten des AWO-Begegnungszentrums in der Adalbertstraße. Hier, unter einem schattenspendenden Pavillon, sitzen etwa zehn Menschen zusammen mit Berrin Önler-Sayan, um mehr über die bewegte Geschichte der migrantischen Frauenbewegung in diesem Kiez zu erfahren. Ein Hauch von Holunder liegt in der Luft, während Önler-Sayan, die mit ihrem korallenroten Haar sofort ins Auge sticht, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise durch die Vergangenheit nimmt.
Die Führung, die in Kooperation mit dem feministischen Archiv FFBIZ angeboten wird, zeigt auf, wie vielschichtig und oft auch unsichtbar die Geschichten der migrantischen Frauen in Berlin sind. Önler-Sayan, selbst eine Pionierin, die 1974 aus Istanbul nach Deutschland kam, hat die Kämpfe und Errungenschaften dieser Frauen hautnah miterlebt. Sie erzählt von den Anfängen in den 1970er Jahren, als viele türkische Gastarbeiterinnen in Kreuzberg lebten und sich hier organisierten, um für ihre Rechte zu kämpfen. Das AWO-Begegnungszentrum, das ursprünglich 1972 als Schwesternwohnheim für das Bethanien-Krankenhaus eröffnet wurde, wurde zu einem Ort des Widerstands und der Solidarität.
Der Kampf um Sichtbarkeit
In den 1970er Jahren war der Leerstand in Kreuzberg enorm, viele unsanierte Wohnungen wurden an Arbeitsmigrantinnen vermietet. Die wachsende Zahl der Migrantinnen, die oft in prekären Verhältnissen lebten, führte dazu, dass sie sich zusammenschlossen. Sie forderten nicht nur ein kommunales Wahlrecht, sondern auch ein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Es war eine Zeit des Wandels und der Hoffnung, als zwischen 1979 und 1981 Aktivistinnen den Leerstand besetzten, um den drohenden Kahlschlägen durch die Stadtplanung entgegenzuwirken. Eine Bewegung, die schließlich zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 1984 führte und das Konzept der „behutsamen Stadtteilsanierung“ in Kreuzberg etablierte.
Önler-Sayan hebt hervor, wie migrantische Frauen damals oft im Schatten der Gesellschaft standen. Die Schokofabrik in der Mariannenstraße, die 1981 besetzt wurde, entwickelte sich zum größten Frauenzentrum Deutschlands. Hier fanden Frauen einen Raum für Bildung, Beratung und Gemeinschaft – ohne Vorurteile. Die Schokofabrik bot nicht nur eine Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei, sondern auch ein Hamam, ein Sportstudio und sogar eine Kindertagesstätte. Sie wurde als Verein organisiert und 2003 von einer Genossenschaft gekauft, die das Haus für die nächsten Generationen sicherte.
Ein Ort des Zusammenkommens
Das AWO-Begegnungszentrum, heute als Stadtteilzentrum Adalbertstraße bekannt, bleibt ein lebendiger Ort der Begegnung und Teilhabe. Hier wird Vielfalt nicht nur gelebt, sondern auch gefördert. Die Angebote richten sich an Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, darunter die Türkei, das ehemalige Jugoslawien, Tunesien und Marokko. Seit seiner Gründung hat sich das Zentrum stets an den Bedürfnissen von Berliner*innen mit und ohne Migrations- oder Fluchterfahrung orientiert und bietet ein breites Spektrum an Beratungs- und Bildungsangeboten.
Ein wichtiger Aspekt des Engagements ist es, die Perspektiven von Zugewanderten zu stärken und Zugangsbarrieren abzubauen. Das Team um Ahmad Mokahel, der für Haus und Garten zuständig ist, und Dietmar Bulla, der bei Veranstaltungen und anderen Aufgaben unterstützt, sorgt dafür, dass das Zentrum ein Ort der Vielfalt bleibt. Ehrenamtliche tragen dazu bei, dass die Angebote generationsübergreifend und vernetzt sind – eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.
Historische Einordnung und aktuelle Relevanz
Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass die migrantische Frauenbewegung in Deutschland eine wichtige Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung gespielt hat. In den Nachkriegsjahrzehnten kamen viele Frauen als Gastarbeiterinnen, Ehefrauen oder Mütter nach Deutschland. Ihr Leben war oft von Diskriminierung und struktureller Benachteiligung geprägt. Die ersten Anwerbeabkommen, beginnend 1955 mit Italien, führten zu einer Zunahme von Frauen aus Ländern wie der Türkei und Griechenland. Viele von ihnen waren gezwungen, in gewalttätigen Beziehungen zu verbleiben, da das Aufenthaltsrecht an die Ehe gebunden war.
Die migrantische Frauenbewegung entstand als Antwort auf diese Herausforderungen. Organisationen wie der Türkische Frauenverein, gegründet 1975 in West-Berlin, waren entscheidend, um die Stimmen der Frauen zu bündeln und mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Auch der „Gemeinsame Kongress ausländischer und deutscher Frauen“ 1984 in Frankfurt am Main thematisierte Rassismus und die Herausforderungen, mit denen migrantische Frauen konfrontiert waren. Diese Themen sind bis heute von großer Bedeutung, und die Diskussionen über Rassismus und Mehrfachdiskriminierung sind aktueller denn je.
Nun, in der „Langen Woche der Kiezgeschichte(n)“, die vom Museum Friedrichshain-Kreuzberg veranstaltet wird, können auch andere die Geschichten dieser starken Frauen kennenlernen. Vom 30. Mai bis 7. Juni finden Stadtführungen im Kiez statt, die das reiche Erbe und die Herausforderungen der migrantischen Frauenbewegung erlebbar machen. Ein Anlass, um nicht nur zurückzuschauen, sondern auch nach vorne zu blicken und die Zukunft der Vielfalt zu gestalten.
