Am 24. Oktober 2026 erlebte die Deutsche Oper Berlin die Premiere von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“, inszeniert von Milo Rau. Ein Ereignis, das nicht nur musikalisch, sondern auch politisch aufgeladen ist. Rau greift tief in die deutsche Geschichte und stellt die Frage, ob Schuld zu ewiger, nicht zu sühnender Verdammnis führen kann. Die Figuren werden dabei durch eine politische Linse betrachtet: Der Holländer symbolisiert Deutschland und die Schuld des Holocausts, während Senta für Israel steht. Erik, der Palästinenser, der mit Senta im selben Land lebt, aber nicht mit ihr zusammenkommen kann, bildet das tragische Bindeglied. Es ist ein gewagtes Konzept, das die Beziehung zwischen Deutschland und Israel sowie die Aspekte der israelischen Staatsgründung thematisiert.

Raus Inszenierung geht jedoch noch weiter. Sie greift auch historische Ereignisse wie das Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 in München und das Berliner Holocaust-Mahnmal auf, an dem der letzte Akt spielt. Die persönliche Geschichte des Regisseurs und zweier Erzähler, die auf Israelreise gehen, wird parallel zur Opernhandlung erzählt. Einer der Erzähler stammt aus Israel und lebt in Berlin, während die andere Tochter jüdischer Konvertiten und Einwanderer ist, die zwischen verschiedenen Identitäten balanciert. Diese zusätzlichen Erzählstränge werden jedoch von der Kritik als überladen und wenig zusammenhängend beschrieben. Viele Stimmen bemängeln, dass die beiden Erzählebenen sich kaum zusammenfügen und die Inszenierung von den zentralen Themen der Oper ablenkt.

Musikalische Höhen und Tiefen

Die sängerischen Leistungen am Premierenabend waren ein weiteres Thema der Diskussion. Der Holländer, verkörpert von Tomasz Konieczny, war krankheitsbedingt stimmlich indisponiert. Ab dem Duett des zweiten Aktes sprang Derek Welton ein und übernahm die Partie – ein mutiger Schritt, der jedoch nicht die Gesamtatmosphäre retten konnte. Aušrinė Stundytė gab ihr Debüt als Senta und wurde für ihre spitze, unsaubere und stimmlich dünne Darbietung kritisiert. Auf der anderen Seite überzeugte Attilio Glaser als Erik mit kraftvollen und souveränen Momenten. Der von Marco Medved einstudierte Chor wurde als zuverlässig bewertet, was in der gegebenen Situation eine kleine Ermutigung war.

Unter der musikalischen Leitung von Giedrė Šlekytė spielte das Orchester laut Kritik flächig und dynamisch, jedoch oft oberflächlich. Die Stimmen der Sänger und das Orchester schienen häufig auseinander zu driften. Ein möglicher Grund dafür könnte der Verzicht der Oper auf einen Generalmusikdirektor zugunsten eines Dirigenten-Teams sein. Dies wirft Fragen auf, die die künstlerische Ausrichtung der neuen Intendanz von Aviel Cahn betreffen. Cahn sorgte bereits mit den ersten beiden Premieren für Aufmerksamkeit, darunter Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“, das als Deutsche Erstaufführung gezeigt wurde. Allerdings hinterließen beide Produktionen künstlerische Fragezeichen.

Wagners ambivalente Rolle

Im Rahmen der Neuproduktion wurden auch historische und ideologische Fragestellungen erörtert. Der Historiker Dan Diner, die Autorin Mirna Funk und Sven Friedrich, Direktor des Wagner Museums in Bayreuth, diskutierten die ambivalente Rezeption Richard Wagners, seine ideologische Belastung und die fortdauernde Wertschätzung seiner Werke. Die Fragen nach Wagners möglicher Rolle als Ausgangspunkt für Themen wie Antisemitismus, Völkermord und transgenerationale Traumata sind unvermeidlich. Der Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“, der 1850 erschien, wird als Wendepunkt in Wagners Denken gesehen und steht zwischen traditioneller Judenfeindschaft und modernem Antisemitismus.

Wagner hatte zahlreiche jüdische Freunde und Förderer, und sein Antisemitismus zielte nicht auf physische Vernichtung, sondern auf eine kulturelle „Integration“ durch Aufgabe des Judentums. Diese komplexe Beziehung zu jüdischen Künstlern, wie Giacomo Meyerbeer, der Wagner unterstützte, wirft Fragen auf, die auch in der Inszenierung von Rau behandelt werden. Wagners eigener Widerspruch, zwischen einer tiefen Abneigung und einem Heilsangebot zu schwanken, spiegelt sich in der heutigen Rezeption seiner Werke wider und wird durch die Inszenierung von Rau auf die Bühne gebracht.

Nun bleibt abzuwarten, wie die nächste große Saisonpremiere, Mozarts „Così fan tutte“, künstlerisch überzeugen kann. Die Erwartungen sind hoch, und die Bühne steht für weitere Kontroversen bereit.