In Tempelhof-Schöneberg brodelt gerade eine ganz besondere Geschichte, die sich wie ein Krimi liest. Ein Rentnerpaar aus Demmin, Reiner F. und Christiane F., steht vor dem Berliner Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden vor, in einer Art nächtlicher Expedition Friedhöfe unsicher gemacht zu haben. Zwischen April 2021 und Juni 2022 sollen sie insgesamt 40 Kunstobjekte – darunter Skulpturen und Reliefs – gestohlen oder von Mittätern erworben haben. Das Ziel? Ein gewinnbringender Verkauf, der wohl ziemlich lukrativ gewesen sein muss.
Die Liste der entwendeten Objekte ist beachtlich: Eine Bronzeskulptur mit dem Titel „Denkende mit Kopfschuss“, die aus Frohnau stammt, hat einen Wert von 10.000 Euro. Ein Engel aus Lichterfelde, die Plastik „Engel vom Grab Westphal“, wird auf 15.000 Euro geschätzt, und dann gibt es da noch den „Knaben mit Tintenfisch“ aus dem Theodor-Francke-Park, dessen Wert bei satten 100.000 Euro liegt. Insgesamt, so wird gemunkelt, soll das Paar rund 362.000 Euro durch den Verkauf des Diebesgutes erlangt haben! Ihr Komplize, Roland K., der in 34 Fällen das Diebesgut angeboten haben soll, wird der Hehlerei beschuldigt und soll dafür sogar 350.000 Euro eingenommen haben.
Die Ermittlungen und ihre Hintergründe
Die Sache kam ins Rollen, als im Frühjahr 2022 auf den Berliner Friedhöfen immer mehr Skulpturen verschwanden. Ein aufmerksamer Zeuge meldete sich und berichtete, dass ihm gestohlene Kunstwerke zum Kauf angeboten worden seien. Ein V-Mann wurde auf Roland K. angesetzt, der schließlich zu einem Scheinankauf führte. Ein Jahr nach Beginn der Ermittlungen ergingen Haftbefehle gegen das Trio. Bei den Durchsuchungen wurden zahlreiche gestohlene Kunstobjekte sichergestellt – darunter etwa 1000 Skulpturen und ebenso viele Zaunelemente. Man fragt sich: Wie kann ein solches Verbrechen in einer Stadt wie Berlin geschehen?
Friedhöfe sind ohnehin ein sensibler Ort. Diebstähle auf solchen Stätten verletzen nicht nur Eigentumsrechte, sondern auch die emotionale Würde der Hinterbliebenen. Die Täter scheinen zunehmend professionell zu agieren. Es gibt zwar keine einheitliche bundesweite Statistik zu Friedhof-Diebstählen, aber die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, dass Diebstahl die häufigste Straftat in Deutschland ist und rund 40 % aller registrierten Delikte ausmacht. Das ist schon eine erschreckende Zahl.
Ein gesamtgesellschaftliches Problem
Die Entwicklungen sind nicht nur ein Berliner Phänomen. In anderen Städten, wie Thüringen, werden vermehrt Diebstähle von Blumensträußen oder Spielzeug von Kindergräbern gemeldet. Die Hemmschwelle für solche Taten scheint gesunken. Im Jahr 2024 gab es bereits mindestens 50 Beschwerden in der Friedhofsverwaltung in Suhl. Es ist alarmierend zu hören, dass in Gera fast täglich Mitteilungen über Diebstähle eingehen. Auch Grabsteine und persönliche Dekorationen sind nicht sicher. Die Aufklärungsquote bei solchen Taten ist gering, und viele Fälle werden einfach nicht angezeigt. Die emotionale Belastung für die Angehörigen ist enorm.
Einige Kommunen versuchen bereits, dem Problem mit Pfand-Systemen für Gießkannen Herr zu werden, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Videoüberwachung auf Friedhöfen ist oft nicht möglich, und Zeugen sind rar gesät. Friedhofsmitarbeiter werden stärker sensibilisiert, Rundgänge von Ordnungsamt-Mitarbeitern sind geplant. Doch ob diese Maßnahmen wirklich fruchten, bleibt abzuwarten.
Die Staatsanwaltschaft strebt nun die Einziehung der Erlöse an, die das Rentnerpaar durch ihre Machenschaften erzielt hat. Es bleibt spannend, wie das Gericht entscheiden wird und ob diese dreiste Vorgehensweise tatsächlich die Konsequenzen nach sich zieht, die sie verdient. Die Frage bleibt: Wie viele weitere unentdeckte Taten könnten im Verborgenen lauern, während wir uns um die Ruhe der Verstorbenen bemühen?