Heute ist der 19.05.2026 und ich sitze hier in Tempelhof-Schöneberg und kann nicht anders, als über einen Mann nachzudenken, der viel bewegen könnte: Mouhanad Khorchide. Mit seinen 54 Jahren ist er nicht nur Professor, sondern auch Dekan der ersten islamisch-theologischen Fakultät Europas an der Universität Münster. Hier wird ein neuer Weg eingeschlagen, der den Islam von Hass, Hetze und Gewalt befreien möchte. Ein Ziel, das in diesen Zeiten, in denen wir oft Zeugen von Konflikten und Vorurteilen sind, nur zu wichtig sein kann.
Khorchide hat sich auf die Fahnen geschrieben, einen Islam zu lehren, der mit westlichen Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit harmoniert. Viele von uns wünschen sich genau das: eine Religion, die offen ist, die Menschen zusammenführt und nicht trennt. An der Fakultät soll es darum gehen, Gleichberechtigung von Mann und Frau zu vermitteln und den Studierenden einen modernen Islam näherzubringen. Das klingt fast utopisch, oder? Aber genau das ist Khorchides Vision.
Ein Gegenentwurf zu Konservatismus
Die Universität Münster hat für diese Fakultät ein Budget von bis zu 2,4 Millionen Euro bereitgestellt und stellt acht Professuren zur Verfügung. Das ist eine Ansage! Khorchide will damit einen klaren Gegenentwurf zu konservativen Moscheen schaffen, die oft aus dem Ausland gesteuert werden und die nicht immer den offenherzigen Islam widerspiegeln, den viele von uns gerne sehen würden. Ein Beispiel dafür ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die über 850 Moscheen in Deutschland betreibt und nicht gerade für progressive Ansichten bekannt ist.
Doch Khorchide hat auch realistische Erwartungen. Er geht davon aus, dass die Fakultät nicht viele gemäßigte Imame hervorbringen wird, da die Mehrheit der Studierenden eher Lehrer für den islamischen Religionsunterricht werden möchte. Das wirft Fragen auf, besonders wenn man bedenkt, dass der Anteil muslimischer Schüler in Deutschland stetig steigt – in Nordrhein-Westfalen beispielsweise von 18,82% im Schuljahr 2021/22 auf 20% im Schuljahr 2024/25. Diese Entwicklungen sind auf jeden Fall ein Grund, der Aufmerksamkeit verdient.
Die Wurzeln des Glaubens
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt von Khorchides Arbeit ist sein Blick auf die Wurzeln des Islam, die er eng mit dem Judentum verknüpft. In seinem Buch „Ohne Judentum kein Islam. Die verleugnete Quelle“ fordert er, dass Muslime sich auf ihre jüdischen Wurzeln zurückbesinnen sollten. Khorchide argumentiert, dass Mohammed sich bei seiner prophetischen Mission auf jüdische Erzählungen berufen hat. Das öffnet Türen für eine neue, projüdische Lesart des Korans, die auch im Kampf gegen Antisemitismus von Bedeutung ist.
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 gab es einen alarmierenden Anstieg des Antisemitismus unter Muslimen. Khorchide sieht die Notwendigkeit, lösungsorientierte Ansätze zu entwickeln, um diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Dabei ist es wichtig, dass es Begegnungsräume zwischen Muslimen und Juden gibt. Es ist eine Herausforderung, die nicht nur den interreligiösen Dialog erfordert, sondern auch eine kritische Reflexion über die Heiligen Schriften und deren Auslegungen.
Er spricht sich dafür aus, den religiösen Exklusivismus in der islamischen Theologie zu dekonstruieren und eine neue Identität zu fördern, die geschwisterliche Verbundenheit mit Juden und die Anerkennung Israels beinhaltet. Ja, das klingt nach einer großen Aufgabe, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, um Frieden zu schließen und extremistische Haltungen abzulehnen.
In einer Welt, die oft von Konflikten geprägt ist, können solche Ansätze fruchtbare Lösungen bieten. Die Frage, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Vielfalt in unserer Gesellschaft leben und respektieren, ist entscheidend. Khorchide ist ein Mann mit einer Vision, und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle einen Schritt aufeinander zugehen.