Neuköllns Altbau unter Druck: Die Bewohner:innen kämpfen gegen Verdrängung und Gentrifizierung
In Neukölln, wo die Straßen lebendig von Geschichten und Erinnerungen erzählen, steht ein sanierungsbedürftiger Altbau, der für viele der Bewohner:innen mehr als nur ein Dach über dem Kopf ist. Hier lebt André Glörfeld, ein Mann, der die letzten 20 Jahre in diesem über 100 Jahre alten Gebäude verbracht hat. Die Wände sind zwar mit Schimmel und Feuchtigkeitsschäden gezeichnet, doch für die rund 40 Bewohner:innen ist das Zuhause ein Ort voller Gemeinschaft und bezahlbare Mieten – eine Seltenheit in der pulsierenden Hauptstadt.
Doch jetzt droht Unheil. Ein Youtuber Anfang 40, der sich als erfolgreicher Jungunternehmer inszeniert, plant zusammen mit seinen drei Geschäftspartner:innen den Kauf des alten Hauses. Diese Unternehmer sind keine Unbekannten; sie haben Millionen mit einem App-Baukasten für Influencer verdient und bieten nun Coaching für Content-Creator:innen an. Die Hoffnung der Hausgemeinschaft auf den Bezirk, der das Vorkaufsrecht ausüben könnte, ist gespalten. Der Bezirk prüft den Fall, doch die bürokratischen Hürden sind hoch, und die Frist für Entscheidungen drängt – am 4. August müssen sie handeln.
Die Sorgen der Bewohner:innen
Die Bewohner:innen fürchten sich vor Verdrängung, nachdem sie bereits eine 15-prozentige Mieterhöhung und fristlose Kündigungen erhalten haben. Diese Entwicklungen kommen nicht von ungefähr. Der bisherige Eigentümer ließ das Gebäude verfallen, und Reparaturen wurden sträflich vernachlässigt. Die gute Beziehung zur alten Hausverwaltung könnte sich nun als Fluch herausstellen, denn mit dem neuen Eigentümer könnte alles anders werden.
Ein Gesellschafter des Kaufinteressent:innen-Teams war früher in einer führenden Position bei Delivery Hero. Das allein erzeugt bei den Anwohner:innen ein mulmiges Gefühl. Ihre Sorgen sind nicht unbegründet: In Berlin ziehen jährlich tausende neue Einwohner:innen in die Stadt, während der verfügbare Wohnraum nicht im gleichen Tempo wächst. Die durchschnittliche Miete liegt aktuell bei 7,21 Euro pro Quadratmeter, aber für Neuvermietungen zahlen manche bereits bis zu 15,74 Euro. Die Gentrifizierung hat das Straßenbild in vielen Kiezen verändert; traditionelle Geschäfte weichen hochpreisigen Angeboten.
Bürokratische Hürden und politische Skepsis
Die politischen Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach. Das Vorkaufsrecht, das seit einem Grundsatzurteil von 2021 stark eingeschränkt wurde, gilt nur für Häuser in Milieuschutzgebieten, die dringend sanierungsbedürftig sind. Oft bleibt die Unterstützung der Bezirke aus, da fehlende Fördermittel und lange Bearbeitungszeiten die Lage zusätzlich verschärfen. Katrin Schmidberger von den Grünen hat die Situation scharf kritisiert und einen festen Förderfonds gefordert. Währenddessen zeigt sich Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler von der SPD skeptisch gegenüber der Wirksamkeit des Vorkaufsrechts.
In Neukölln ist der Druck auf dem Wohnungsmarkt enorm. Gentrifizierung führt zu sozialer Entmischung und schafft emotionale Folgen für viele, die sich nach einem Gefühl der Sicherheit und Heimat sehnen. Die Mieterschutzmaßnahmen greifen zunehmend weniger, und ein Großteil der neuen Wohnungen ist nicht im bezahlbaren Segment. Studierende und junge Menschen haben es besonders schwer, eine Unterkunft zu finden. Das Gefühl, in der eigenen Stadt nicht willkommen zu sein, wird für viele zur bitteren Realität.
Die Hausgemeinschaft in Neukölln kämpft nun bis zur Frist um ihre Rechte und setzt alles daran, ihre Wohnungen zu erhalten. Ob sie dabei erfolgreich sein werden, bleibt abzuwarten. Eines ist sicher: Die Zukunft der Stadt hängt von der Wohnungspolitik ab, und bis 2025 wird sich zeigen, ob Berlin den Herausforderungen der Gentrifizierung gerecht werden kann.
Ein modernes Nachrichtenportal wie unseres, muss für alle Menschen zugänglich sein. Unser Website System wurde daher konsequent nach den Vorgaben der WCAG 2.1 und BITV 2.0 entwickelt – mit sauberer Struktur, ARIA-Attributen und ohne technische Hürden für assistive Technologien. Die barrierefreie Umsetzung verantwortete Daniel Wom / VeloCore.
