In Neukölln, an einem Ort, der von Geschichte durchzogen ist, gibt es einen Gedenkstein, der so viel mehr ist als nur ein Denkmal. Der Herero-Stein, auf dem Friedhof am Columbiadamm, erinnert an sieben Freiwillige der Kaiserlichen Schutztruppe, die zwischen 1904 und 1907 fielen. Doch die Geschichte, die er erzählt, ist verwoben mit den schrecklichen Ereignissen, die zwischen 1904 und 1908 stattfanden, als die Kolonialtruppen unter Lothar von Trotha den Aufstand der Herero und Nama brutal niederschlugen. Schätzungen zufolge starben dabei bis zu 100.000 Menschen – eine Tragödie, die Deutschland erst 2021 als Völkermord anerkannte.
Im Jahr 2022 umwickelte die namibische Künstlerin Tuli Mekondjo den Gedenkstein mit einem Seil, als Protest gegen die ignorierte Geschichte und die Erwartungen der Nachfahren der Herero und Nama. Ein kraftvoller Akt, der zum Nachdenken anregt. Mekondjo möchte, dass wir uns nicht nur an die Toten erinnern, sondern auch die Stimmen der Überlebenden hören. Der Stein selbst, aus rotem Granit und schätzungsweise bis zu fünf Tonnen schwer, soll nun ins Museum Neukölln verlegt werden.
Ein Mahnmal zwischen Vergangenheit und Zukunft
Der Direktor des Museums, Matthias Henkel, hat bereits einen Plan zur Verlegung vorgestellt. Die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln wird demnächst darüber abstimmen. Eines ist sicher: Die Machbarkeit und die Kosten sind noch nicht geklärt, und so schwebt eine gewisse Unsicherheit über der Zukunft des Denkmals. Kritiker befürchten, dass die Pläne lediglich eine Umkehrung und Verbergung darstellen. Es ist ein spannendes, aber auch umstrittenes Unterfangen. Der Gedenkstein soll in Richtung Mauer gedreht werden, sodass die Inschrift unlesbar wird. Gleichzeitig ist eine Gedenktafel geplant, die an die Kriegsverbrechen erinnert. Diese Tafel, die bereits 2009 eingelegt wurde, vermeidet jedoch den Begriff „Völkermord“, was zu weiteren Diskussionen führt.
Israel Kaunatjike, ein namibischer Menschenrechts-Aktivist, fordert gar die vollständige Entfernung des Gedenksteins aus dem öffentlichen Raum. Das zeigt, wie tief die Wunden noch sind und wie unterschiedlich die Perspektiven sind. Während einige einen Ort der Erinnerung schaffen wollen, sehen andere in dem Denkmal ein Symbol des Unrechts, das nicht mehr im öffentlichen Raum stehen sollte. Janine Wolter, Bezirksstadträtin, sieht die Verantwortung für einen zentralen Gedenkort beim Bund. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich diese Debatten weiterentwickeln werden.
Ein Gedenktag für die Zukunft
Am 28. Mai 2025 wird Namibia einen offiziellen Gedenktag einführen, den „Genocide Remembrance Day“, um an das Schicksal der Herero und Nama zu erinnern. Ein Tag, der nicht nur an die Schließung der Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1908 erinnert, sondern auch an die Verantwortung, die wir alle für die eigene Vergangenheit tragen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterstrich 2024 die Notwendigkeit, diese dunkle Geschichte aufzuarbeiten und sich mit den Folgen auseinanderzusetzen.
Die Verbrechen, die während der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia begangen wurden, sind ein Kapitel, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Deutschland war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht und führte einen Vernichtungskrieg, der als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts gilt. Die Ereignisse sind nicht nur Teil der namibischen Geschichte, sondern auch ein Teil der deutschen Identität. Jahrzehntelang war dieses Thema in Deutschland kaum präsent. Doch seit 2015, als offizielle Verhandlungen über die Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen begannen, hat sich langsam etwas bewegt. Die Rückgabe von Kulturgütern, wie der Bibel und der Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi, sind Schritte in die richtige Richtung.
Doch es bleibt ein langer Weg. Vertreter der Herero und Nama fordern nicht nur Entschädigungen, sondern auch die Rückgabe ihrer Ländereien, die heute überwiegend in den Händen weißer Großgrundbesitzer und des namibischen Staates liegen. Die Geschichte, die sich hier entfaltet, ist komplex und voller Emotionen. Ein Mahnmal, ein Protest, ein Gedenktag – all das sind Facetten eines Erbes, das wir nicht ignorieren dürfen. Die Stimmen der Vergangenheit drängen uns, die Gegenwart zu überdenken und eine Zukunft zu gestalten, die auf Verständnis und Respekt basiert.