Klang und Bilder: Iris ter Schiphorsts 70. Geburtstag in der Alten Münze gefeiert
Es war ein Abend voller Kunst und Musik, der die Berliner Alte Münze in ein Klang- und Bildermeer verwandelte. Iris ter Schiphorst, die gefeierte Komponistin, feierte an diesem besonderen Tag ihren 70. Geburtstag. Um das gebührend zu würdigen, fand ein eindrucksvolles Festival statt, das das Zafraan-Ensemble organisierte. Im Mittelpunkt stand der experimentelle Stummfilm „La Coquille et le Clergyman“ von Germaine Dulac aus dem Jahr 1928. Ein Film, der mit surrealen Traumsequenzen und einer Dreiecksgeschichte aufwartet, die nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren fesselt.
Die Musik, die diesen visuellen Schatz begleitete, stammte aus der Feder ter Schiphorsts. Sie hat die stummen Schwarzweißbilder mit ihren Klängen neu interpretiert und belebt. Ihr musikalisches Talent ist beeindruckend: mal sanft und lyrisch, mal kraftvoll und expressiv. „La Coquille et le Clergyman“ zeigt eine junge Frau in weißen Gewändern, einen jungen Mann im schwarzen Anzug und einen mittelalterlichen Mann, der sowohl Offizier als auch Priester ist. Diese Charaktere, gepaart mit Großaufnahmen von Köpfen und Szenen auf Feldwegen, schaffen eine einzigartige Atmosphäre, die durch die Musik ter Schiphorsts noch verstärkt wird.
Ein Fest der Kreativität
Das Festival umfasste nicht nur die Filmvorführung, sondern auch Konzerte, Gesprächsrunden und eine beeindruckende „Taschenbibliothek“, die ter Schiphorst mit Werken von Ingeborg Bachmann, Don DeLillo und Unica Zürn zusammenstellte. Diese Bücher bezeichnete sie als Teil ihrer persönlichen Denk- und Arbeitslandschaft. Ein faszinierender Einblick in die Inspirationsquelle einer Künstlerin, die sich nicht nur mit Musik, sondern auch mit Literatur und Philosophie beschäftigt.
Im Rahmen eines Podiumsgesprächs fand ein Austausch über die „Theatralik“ und die expressive Kraft von ter Schiphorsts Musik statt. Der Dirigent Peter Runde und die Journalistin Christine Daum-Farber waren dabei, die auch eine persönliche Verbindung zur Komponistin hat. Ihre gemeinsame Geschichte begann an der Freien Universität Berlin, wo sie in einem Seminar über die Schriftstellerin Marguerite Duras aufeinandertrafen. Diese Begegnung war der Ausgangspunkt für ein experimentelles Filmprojekt, das sie humorvoll als „3D-Oper“ bezeichneten.
Der Klang der Worte
Das Festival war auch eine Hommage an ter Schiphorsts Werk „Eden Cinema“, das auf Duras’ gleichnamiger Komposition basiert. Hierbei verschmelzen gedämpfte Klaviertöne mit repetitiven Mustern, die das Zeitgefühl auflösen. Man könnte fast sagen, dass die Musik eine eigene Sprache spricht. Denn ter Schiphorst versteht Sprache nicht nur als Text, der vertont wird, sondern als eigenständigen Klang. Dies wird besonders deutlich in ihren Arbeiten, bei denen die Ausführenden oft gleichzeitig singen und andere Geräusche produzieren müssen. Ein wahres Meisterwerk der Multitasking-Kunst!
In „Sei gutes Muts!“ beispielsweise muss die Blockflötistin nach einem intensiven Solo den Titel ins Publikum rufen. Eine Herausforderung, die das Publikum mit einem Schmunzeln auf den Lippen verfolgt. Die Komplexität und der performative Charakter der Musik fordern sowohl die Musiker als auch das Publikum heraus, die Bedeutung der Klänge im Gesamtzusammenhang zu erfassen. Ein spannendes Erlebnis, das durch das Programmheft zusätzlich erläutert wird.
Ein Leben für die Musik
Iris ter Schiphorst wurde am 22. Mai 1956 in Hamburg geboren. Zunächst wollte sie Tänzerin werden, doch eine Krankheit stellte ihre Pläne auf den Kopf. Ihre Mutter, eine Pianistin, gab ihr die ersten Klavierstunden. Von 1973 bis 1978 studierte sie Klavier an der Bremer Musikhochschule, bevor sie sich in der Rockmusik einen Namen machte. Ihre Zusammenarbeit mit dem Berliner Komponisten Helmut Oehring prägte ihre Karriere entscheidend. In den Jahren von 1996 bis 2001 schufen die beiden zahlreiche bemerkenswerte Werke.
Ihr Durchbruch gelang ihr im Jahr 1999 mit der Orchesterballade „Hundert Komma Null“. Die Vielfalt ihrer musikalischen Arbeiten reicht von klassischen Ensembles über theatermusikalische Stücke bis hin zu innovativen Klanginstallationen. Dabei verwendet sie oft eigene Texte und beschäftigt sich mit Themen wie Gender, gesellschaftspolitischen Fragestellungen und den Möglichkeiten der Neuen Medien. Ihre Musik ist eine Brücke zwischen verschiedenen Disziplinen und Stilen – ein wahres „Dazwischen“.
Und so schließt sich der Kreis: Das Festival in der Alten Münze ist nicht nur eine Feier von ter Schiphorsts 70. Geburtstag, sondern auch ein Beweis für die Lebendigkeit und Vielfalt ihrer Kunst. Ihre Kompositionen, geprägt von einer tiefen kulturellen und intellektuellen Auseinandersetzung, laden uns ein, den Klang der Worte und die Sprache der Musik neu zu entdecken.
