Kampf um die Energiezukunft: Kullmanns Warnung vor dem Kohleausstieg
Inmitten der hitzigen Debatten um den Kohleausstieg in Nordrhein-Westfalen meldet sich Christian Kullmann, der CEO von Evonik, zu Wort. Der Zeitplan, der den Ausstieg bis 2030 vorsieht, erscheint ihm alles andere als realistisch. „Es sind einfach nicht genügend Gaskraftwerke vorhanden, um die Versorgung zu sichern“, äußert er und stellt damit die Zukunftsstrategie der Bundesregierung in Frage. Man fragt sich, ob die Planer in Berlin die Realität vor Ort wirklich im Blick haben.
Mit einem Vergleich, der etwas überrascht, zieht Kullmann Parallelen zwischen der Netzinfrastruktur in NRW und der in Albanien. Das klingt fast nach einer kleinen Provokation, soll aber wohl unterstreichen, wie dringend ein Umbau nötig ist. Zudem bemängelt er das Fehlen von bezahlbarem Wasserstoff – einem elementaren Bestandteil der zukünftigen Energieversorgung. „Wir müssen die Kohle mindestens bis 2033 nutzen, vielleicht sogar länger, je nach den Rahmenbedingungen“, fordert er und lässt keinen Zweifel an der Dringlichkeit seiner Argumente.
Politische Rahmenbedingungen und Klimaziele
Ein Blick auf die politischen Entwicklungen offenbart weitere Spannungen. Der Bundestag hat im Dezember 2022 ein Gesetz verabschiedet, das den vorzeitigen Ausstieg von drei Braunkohleblöcken bis 2030 vorsieht. Eine Revisionsklausel gibt der Bundesregierung jedoch bis zum 15. August die Möglichkeit, zu entscheiden, ob diese Anlagen in eine Reserve überführt werden. Das klingt nach einem Hintertürchen, das vielleicht mehr Stabilität verspricht als es auf den ersten Blick scheint.
Um die Lücke, die durch den Kohleausstieg entstehen könnte, zu schließen, hat der Bundestag kürzlich den Bau neuer Gaskraftwerke genehmigt. Kullmann sieht darin die Notwendigkeit, um Stromversorgungslücken zu vermeiden, und kritisiert gleichzeitig eine „Greta-Hörigkeit“ der Politik. Hier zeigt sich der Konflikt zwischen Klimazielen und industriellen Interessen ganz deutlich. Er schlägt vor, das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland von 2045 auf 2050 zu verschieben, um die Industrie nicht zu benachteiligen. Der gesunde Menschenverstand fordert Kompromisse, auch wenn sie nur schwer zu akzeptieren sind.
Die Herausforderer der Chemieindustrie
In einem weiteren Schritt hebt Kullmann hervor, dass Deutschlands Anteil an den globalen CO2-Emissionen bei nur 1,6 Prozent liegt. Das lässt einen ins Grübeln kommen: Wie viel Druck kann man einer Branche auferlegen, die im internationalen Wettbewerb steht? Kullmann warnt vor der Verschärfung des Emissionshandels und verweist darauf, dass Europa bereits das schärfste CO2-Gebührenregime hat. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Politik bewegt, um die europäische Chemie nicht weiter zu schädigen.
Evonik selbst ist in Bewegung. Kullmann beschreibt die Ausgliederung von Chemieparks in die Einheit Syneqt, die er als profitabel einschätzt. Zwei moderne Gaskraftwerke in Marl und ein großes Leitungsnetz untermauern diese positive Einschätzung. Im Herbst plant Evonik, den Markt anzusprechen und denkt an eine Fusion mit einem anderen Chemieparkbetreiber. Partner aus den Niederlanden oder Belgien stehen im Raum, nicht Currenta, wie es scheint. Es wird spannend sein zu beobachten, wohin die Reise geht.
Die Zukunft der Klimaziele
Und während all diese Überlegungen angestellt werden, bleibt die Frage nach den Klimazielen im Raum stehen. Das Bundesverfassungsgericht hat am 18.08.21 die erste Änderung des Bundes-Klimaschutzgesetzes beschlossen. Die neuen Ziele sind ambitioniert: Bis 2030 ist eine Minderung von mindestens 65 Prozent im Vergleich zu 1990 angestrebt. Bis 2045 soll Netto-Treibhausgasneutralität erreicht werden. Ungewöhnlich ist dabei, dass der LULUCF-Sektor – der einzig verbleibende Sektor, der Restemissionen kompensieren kann – eine Schlüsselrolle spielt. Ein bisschen wie ein Schachspiel, bei dem jeder Zug bedacht werden muss.
Der Druck auf die Industrie wächst, und das nicht nur durch gesetzliche Regelungen. Es bleibt abzuwarten, wie die Akteure in der Chemiebranche auf die ständig ändernden Rahmenbedingungen reagieren werden. In einer Zeit, in der das Wort „Wachstum“ oft mit einem schiefen Blick betrachtet wird, ist das Streben nach einer nachhaltigen Lösung entscheidend. Schließlich sind es nicht nur die Zahlen, die zählen, sondern auch die Menschen, die hinter diesen Zahlen stehen.
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