Heute ist der 27.10.2026. In Berlin wird es gerade wieder spannend. Der 78-jährige CDU-Politiker Kurt Wansner, der als Alterspräsident zum dritten Mal die Eröffnungsrede zur ersten Sitzung des neu gewählten Abgeordnetenhauses hält, hat sich mit einem brisanten Thema auseinandergesetzt. Er warnt eindringlich vor dem zunehmenden Antisemitismus in der Stadt. Ein Thema, das in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands, besonders schwer wiegt – nicht nur wegen der Geschichte, sondern auch wegen der gegenwärtigen Situation für jüdische Menschen hier.

Wansner betont, dass es nicht akzeptabel sei, wenn jüdische Mitbürger sich in Berlin nicht mehr sicher fühlen. Angesichts der deutschen Vergangenheit, des Holocausts, trägt die Stadt eine besondere Verantwortung und muss dieser gerecht werden. „Andernfalls entsteht ein grundsätzliches Problem“, so Wansner. Es ist ein starkes Zeichen, dass er auf die Rolle Berlins als Hauptstadt hinweist, die von 1933 bis 1945 eine dunkle Geschichte hatte und auch heute wieder im Fokus steht. Diese Verantwortung ist mehr als nur eine Floskel – sie ist eine Herausforderung, die wir alle annehmen müssen.

Ein kritischer Blick auf die Wahlbeteiligung

In seiner Rede wird Wansner auch die Wahlbeteiligung bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September thematisieren. Mit über 74 Prozent war sie zwar höher als bei vorherigen Wahlen, dennoch bleibt ein Viertel der Wahlberechtigten unentschlossen oder desinteressiert. Ein Umstand, der nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt alarmierend ist. Wansner, der seit 1995 Mitglied des Berliner Landesparlaments ist und einen Wahlkreis in Kreuzberg vertritt, macht damit deutlich, dass Engagement und Interesse an der Demokratie unabdingbar sind.

Die politische Landschaft hat sich in Berlin gewandelt. Die CDU konnte zwar bei der Wahl 2023 die stärkste Partei werden, doch die Linke war zuvor lange Zeit an der Spitze. CDU und SPD haben ihre Mehrheiten verloren, was die Sondierungsgespräche zwischen Linken, Grünen und SPD über eine potenzielle Regierungszusammenarbeit noch spannender macht. Es ist ein ständiges Ringen um Macht und Einfluss, das die politische Bühne dieser Stadt prägt.

Antisemitismus als drängendes Thema

Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, hat sich ebenfalls zum Schutz jüdischen Lebens bekannt. Doch die Linke steht vor einer heftigen Debatte über Antisemitismus. Israels Botschafter Ron Prosor hat der Partei „völlig enthemmten Antisemitismus“ vorgeworfen, während der Zentralrat der Juden Besorgnis über das jüdische Leben in Berlin äußert. Es ist eine komplexe Situation, die sich vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen entfaltet. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle registriert, und die Debatten über Antisemitismus und dessen Definition sind alles andere als einfach.

Die Kritik an der Linken bezieht sich auf problematische Auftritte im Wahlkampf. Ein Rapper, der Gewalt gegen Israel befürwortete, und das Auftreten von Clan-Chefs bei Wahlveranstaltungen werfen Fragen auf. Der Zentralratspräsident Josef Schuster bezeichnete dies als „strukturelles Problem“. Diese Diskussionen sind nicht nur theoretischer Natur; sie haben konkrete Auswirkungen auf das jüdische Leben in Berlin und auf das Sicherheitsgefühl der jüdischen Gemeinschaft.

Besonders nach den Ereignissen des 7. Oktober 2023 fühlen sich viele Jüdinnen und Juden in Deutschland verunsichert. Antisemitismus ist nicht einfach eine Frage der Definition, sondern eine drängende Realität, die für viele Teil des Alltags ist und mit Bedrohungen und Angriffen einhergeht. Die Debatte über die Definition von Antisemitismus darf nicht den Blick auf die konkreten Erfahrungen der Betroffenen verstellen.

Die Verantwortung, die Wansner anspricht, ist also nicht nur eine politische, sondern auch eine moralische. Die Frage bleibt: Wie wird Berlin dieser Verantwortung gerecht? Wie kann eine Stadt, die durch ihre Geschichte so stark geprägt ist, ein Vorbild für den Schutz jüdischen Lebens werden? Es bleibt abzuwarten, wie die neuen Abgeordneten, die sich am Donnerstagvormittag zum ersten Mal versammeln, auf diese Herausforderungen reagieren. Denn die Augen der Welt sind auf Berlin gerichtet, und die Erwartungen sind hoch.