Heute ist der 27.10.2026 und die Straßen von Charlottenburg-Wilmersdorf sind voller Leben. Autonome Shuttle-Fahrzeuge stehen in den Startlöchern, um den öffentlichen Nahverkehr in Berlin aufzumischen. Das Pilotprojekt „NoWeL4“ („Nord-Westraum Level 4“) soll im Berliner Nordwesten erprobt werden. Ursprünglich sollten die fünf elektrischen VW-ID-Vans bereits seit Monaten fahrerlos in Teilen von Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf und Reinickendorf unterwegs sein. Doch wie so oft gibt es Verzögerungen – der Testbetrieb wird nun bis Ende 2026 aufgeschoben. Dabei handelt es sich um ein spannendes Vorhaben, das ein rund 15 Quadratkilometer großes Testgebiet umfasst und 80 reguläre Bushaltestellen sowie virtuelle Haltepunkte bedient.

Hier kommen die Fragen zur Barrierefreiheit ins Spiel. Raul Krauthausen, ein bekannter Aktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderung, kritisiert, dass die Landesfachstelle für Barrierefreiheit bisher nicht in das Pilotprojekt einbezogen wurde. Obwohl diese Fachstelle seit Ende 2025 aktiv ist, bleibt sie ungehört, was die Expertise rund um die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern und anderen Menschen mit Einschränkungen angeht. Krauthausen hat beim vorherigen BVG-Test in Tegel (2021/2022) erlebt, wie wichtig Barrierefreiheit ist – die Begleitperson war oft unverzichtbar, um den Ein- und Ausstieg zu erleichtern. In Zukunft soll diese Begleitperson entfallen, was durchaus Fragen aufwirft.

Herausforderungen der Barrierefreiheit

Die Fahrzeuge der BVG sind laut eigenen Angaben noch nicht vollständig barrierefrei. Es gibt zwar zwei Türknöpfe, einen zum Öffnen und einen zum Ausfahren der Rampe, aber der Rampenknopf wurde deaktiviert, weil Passagiere ihn häufig versehentlich betätigten. Das führt uns zu der Frage, wie viele Menschen tatsächlich in den Genuss dieser neuen Technologie kommen werden. Krauthausen erwartet, dass auch beim neuen Pilotprojekt offene Fragen zur Barrierefreiheit auftauchen werden.

Eine weitere Herausforderung ist die Gesetzeslage. Für autonome Fahrzeuge könnte es notwendig sein, die bestehenden Vorschriften anzupassen. Ohne klare Vorgaben und politischen Druck könnten viele autonome Fahrzeuge in der Stadt unterwegs sein – aber nicht unbedingt barrierefrei. Krauthausen fordert daher, die Barrierefreiheit bereits bei der Planung von Pilotprojekten zu berücksichtigen. Denn, so betont er, auch Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf umweltfreundliche Mobilität.

Ein Blick auf die Zukunft

In der Pilotphase des „NoWeL4“-Projekts dürfen nur ausgewählte Testgruppen mitfahren. Interessierte können sich als Testpersonen bewerben, wobei die Einzelheiten dazu rechtzeitig veröffentlicht werden sollen. Die Testphase soll 2027 enden, und danach könnte das autonome Fahren dauerhaft Teil der Berliner Mobilität werden. Die BVG sieht Barrierefreiheit als zentrale Herausforderung und möchte gemeinsam mit Wissenschaftlern und Interessenvertretungen Anforderungen für die selbstständige Nutzung durch Menschen mit Behinderungen untersuchen.

Krauthausen sieht die Technisierung als unumkehrbaren Trend. Er hat selbst erfahren, wie wichtig es ist, ohne fremde Hilfe unterwegs sein zu können – ein Gefühl von Freiheit, das er nicht missen möchte. Allerdings gibt es auch die Kehrseite. Der Berliner Mobilitätsdienst Muva wurde eingestellt, und viele Angebote sind nach wie vor nicht barrierefrei. Das Hamburger Ridepooling-Angebot Moia beispielsweise erfordert für Rollstuhlfahrer zunächst die Anforderung eines speziellen Fahrzeugs. Das ist alles andere als optimal.

Ein Appell an die Verantwortlichen

Die Zuständigkeiten für Mobilität in Berlin sind derzeit auf drei Senatsverwaltungen verteilt: Der ÖPNV gehört zur Verkehrsverwaltung, Taxis zur Wirtschaftsverwaltung und WirMobil zur Sozialverwaltung. Krauthausen schlägt vor, diese Bereiche unter einem Dach zu bündeln, um die Koordination zu verbessern. Seiner Meinung nach könnte das Thema bei den nächsten Koalitionsverhandlungen zur Sprache kommen. Er erwartet vom neuen Senat, dass das Taxigewerbe stärker verpflichtet wird, barrierefreie Fahrzeuge bereitzuhalten. Trotz der Meldung, dass über 100 barrierefreie Taxis in Berlin verfügbar sind, wissen die Taxizentralen häufig nicht, welches Fahrzeug gerade bereitsteht. Eine unglückliche Situation, die für viele Menschen mit Behinderungen zu einem ernsthaften Problem werden kann.

Es bleibt also spannend, wie sich die Situation in den nächsten Monaten entwickeln wird. Die Idee des autonomen Fahrens könnte in Berlin tatsächlich zur Realität werden – wenn dabei die Bedürfnisse aller Bürgerinnen und Bürger, insbesondere derjenigen mit Behinderungen, in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Zeit wird es zeigen, ob das Projekt „NoWeL4“ nicht nur eine technologische Revolution, sondern auch einen Schritt in Richtung echte Teilhabe für alle Berlinerinnen und Berliner einläutet.