Es war ein denkwürdiger Abend in der Volksbühne Berlin – ein Ort, der seit 1989 das kulturelle Herz der Stadt schlägt. Am 9. Juni 2026 stellte Jürgen Kuttner seinen letzten Videoschnipselabend unter dem Motto „Von Mainz bis an die Memel“ vor. Nach fast 30 Jahren, in denen er mit seinen unkonventionellen und oft überraschenden Auftritten die Zuschauer fesselte, hieß es Abschied nehmen. Der große Saal war restlos ausverkauft, und draußen warteten Menschen in der Hoffnung auf nicht abgeholte Karten, so groß war das Interesse an diesem besonderen Ereignis.

Kuttner, der 1958 in Ostberlin geboren wurde, hat mit seinen Videoschnipselabenden eine einzigartige Mischung aus Unterhaltung und tiefgründiger, medienkritischer Analyse geschaffen. Er kommentierte historische Filmausschnitte aus Funk und Fernsehen und nahm dabei stets Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Themen. Seine Auftritte erforderten oft ein gewisses Hintergrundwissen vom Publikum – eine Herausforderung, die viele Zuschauer gerne annahmen. Die Videoschnipsel hatten für viele einen emotionalen Bezug zu ihrer eigenen Biografie, wie eine Wartende vor der Volksbühne bemerkte.

Ein Abschied mit Protest

Das Ende dieser Ära kam überraschend, als Kuttner von der Absetzung seiner Show erfuhr, während er nach neuen Terminen fragte. Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Volksbühne, hatte beschlossen, die Kuttner-Reihe zu beenden. Diese Entscheidung sorgte für Unmut, nicht nur unter den treuen Anhängern des Künstlers. Peter Wawerzinek, ein Kollege und Freund, ließ keinen Zweifel daran, dass eine Volksbühne ohne Kuttner nicht ernsthaft sein könne. In einem Protestbrief kritisierte er Lilienthals Schritt und bezeichnete Kuttner als essenziell für das kulturelle Leben an diesem Ort.

Die Stimmung im Saal war angespannt, aber auch feierlich. Der Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung charakterisierte Kuttner als „Archäologen deutscher Seltsamkeiten“ – und das ist wohl das, was viele an ihm schätzten. Der Abend war nicht nur ein Abschied, sondern auch eine Hommage an die Kunst des Geschichtenerzählens und der Reflexion über unsere Medienlandschaft.

20 Jahre „Von Mainz bis an die Memel“

Wusstet ihr, dass Kuttner vor 20 Jahren, am 7. Jahrestag des Mauerfalls, seinen ersten Videoschnipselabend hielt? Er war damit nicht nur ein Pionier, sondern setzte auch ein Zeichen für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Themen seiner Abende reichten von der spätrömischen Dekadenz bis zur christlich-abendländischen Impertinenz und umfassten ikonische Persönlichkeiten wie Cindy & Bert und Donald Trump. Sein Ziel war es, ein Korrektiv zur aktuellen Medienlandschaft zu bieten und Fragen zu beantworten, die das Fernsehen nicht stellte. Wer hätte gedacht, dass man beim Frühstück im Roten Salon nach einer solchen Veranstaltung auch Wodka im Haus serviert bekommt?

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Der letzte Abend war ein emotionaler Höhepunkt. Kuttner selbst teilte die Reaktionen auf das Ende seiner Reihe auf seiner Facebook-Seite – allerdings kommentarlos. Vielleicht wollte er damit einfach der gewohnten Unberechenbarkeit treu bleiben. So bleibt uns nur, diesem außergewöhnlichen Künstler für seine fast drei Jahrzehnte währende Reise an der Volksbühne zu danken und uns an die vielen unvergesslichen Momente zu erinnern, die er uns geschenkt hat.