In Treptow-Köpenick, wo der Duft von frischem Brot und das Geplätscher der Spree das Stadtbild prägen, regt sich Widerstand gegen den geplanten Weiterbau der A100. Die Bürgerinneninitiative „Beermannstraße bleibt“ hat ein Empfangskomitee aus rund 20 Personen vor der Beermannstraße 18 gebildet, um Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi (Linke) zu empfangen. Der Grund für die aufgebrachte Versammlung ist klar: Der 17. Abschnitt der Autobahn könnte nicht nur Wohnraum, sondern auch die Stadtnatur bedrohen.
Vor den sanierte Genossenschaftshäusern in der Beermannstraße 16 und 18 leben etwa 300 Menschen, die um ihre Wohnungen fürchten. Gysi wird durch das Viertel geführt, vorbei an einem kleinen Hain mit vielen Bäumen. Der Anblick der Schallmauer des neu fertiggestellten 16. Abschnitts der A100 ist ein eindringliches Zeichen des Wandels – und nicht unbedingt zum Besten. Vor der Mauer erstreckt sich eine freie Fläche, dort standen einst zwei Häuser, die dem Autobahnbau zum Opfer gefallen sind. Es ist ein Bild des Verlusts, das die ehemaligen Bewohnerinnen, wie Melanie Tetzlaff, nicht vergessen können. Sie hält ein Straßenschild hoch, das an die vor elf Jahren geführten Kämpfe erinnert, bei denen das Gelände sogar kurzzeitig besetzt wurde.
Der Kampf um den 17. Abschnitt
Die Mieterinnen der Beermannstraße 16–18 sind fest entschlossen, den Abriss für den 17. Abschnitt der A100 zu verhindern. Die Pläne für den Trassenbau haben sich verzögert, obwohl sie ursprünglich längst veröffentlicht werden sollten. Die Initiative mobilisiert gegen den Abriss und fordert Alternativplanungen zur A100. Markus Henn von der Umweltschutzorganisation BUND unterstützt diese Bestrebungen und setzt sich für den Erhalt der Häuser ein. Gysi hat bereits angekündigt, ein Schreiben an das Bundesverkehrsministerium zu verfassen, um die Kernforderungen klar zu kommunizieren. Er betont, dass seine Partei den Weiterbau der A100 nicht nur aus sozialen, sondern auch aus ökologischen Gründen ablehnt.
Die Sorge um den Verlust von Wohnraum und Natur ist nicht unbegründet. Viele Nachbarinnen mussten bereits ihre Wohnungen aufgeben und leben heute verstreut in Berlin. Die Schicksale sind vielfältig, aber das Gefühl der Gemeinschaft bleibt stark. Weitere Proteste gegen den 17. Abschnitt werden erwartet, da nicht nur Wohnraum, sondern auch bekannte Clubs und kulturelle Einrichtungen durch die Autobahnpläne gefährdet sind.
Verkehrspolitik im Wandel
Die Diskussion um die A100 findet vor dem Hintergrund eines umfassenden Plans statt, den der Berliner Senat am 2. März 2021 verabschiedet hat. Der strategische Handlungsrahmen, bekannt als StEP MoVe, soll den Trend zu mehr Kfz-Verkehr bremsen und den Fokus auf Busse, Bahnen, Fahrräder und Fußgänger legen. Das Ziel ist es, den Anteil des Umweltverbundes an allen Wegen von 74% auf 82% bis 2030 zu erhöhen – ein ehrgeiziges Vorhaben, das die Lebensqualität in der Stadt nachhaltig verbessern könnte.
Berlin orientiert sich dabei an erfolgreichen Beispielen anderer europäischer Städte, die bereits auf klimafreundliche Mobilität setzen. Der Plan sieht auch eine Zero Emission Zone vor, in die nur Fahrzeuge mit sauberen Antrieben einfahren dürfen. Mit diesem Ansatz will die Stadt nicht nur den Klimaschutz vorantreiben, sondern auch die Luftqualität verbessern.
Doch während auf der einen Seite der Fortschritt in der Verkehrspolitik gefeiert wird, sind auf der anderen Seite die Menschen in der Beermannstraße mit der Realität konfrontiert, dass ihre Wohnräume und die ihnen lieb gewordene Umgebung gefährdet sind. Ein schmaler Grat zwischen modernem Fortschritt und dem Erhalt von Lebensqualität – und der Weg dahin ist alles andere als einfach.