Heute ist der 22.10.2026. In der Kiefholzstraße in Treptow-Köpenick brodelt es. Rund 45 Kunst- und Kulturschaffende, die im Atelierhaus Kiefholz19 untergebracht sind, stehen vor einer ungewissen Zukunft. Die landeseigene Berliner Immobiliengesellschaft BIM hat am 21. September die Mietverträge aller Mieter gekündigt. Bis zum 31. Dezember müssen sie ihre kreativen Räume räumen, und das sorgt für großen Unmut in der Szene. Ein „massiver Sanierungsstau“, wie die Berliner Senatsverwaltung für Kultur es nennt, ist der Grund. Ein Gutachten, das nach einem Schwelbrand erstellt wurde, soll die Mängel beim Brandschutz und bei der Elektroinstallation aufzeigen. Doch die Mieterschaft kann das Gutachten nicht einsehen und bezweifelt die Dringlichkeit der Kündigung.

Der Künstler Anselmo Fox ist einer von vielen, die nun in der Klemme stecken. Mit seinen Gipsarbeiten und einer Vielzahl von Werkzeugen muss er dringend eine Ausstellung in Mexiko-Stadt vorbereiten. Die Frist für den Auszug ist für ihn eine große Herausforderung – bisher hat er nur ein feuchtes Lager in Sachsen-Anhalt gefunden. „Das ist unsozial“, sagt Fox. Wenn er nicht bald eine Lösung findet, könnte er gezwungen sein, seine wertvollen Materialien wegzuwerfen. Das wäre nicht nur schade, sondern auch teuer.

Die Stimmen der Mieterschaft

Kris Lambach, der mit einem Kollegen ein Sound-Label betreibt, sieht die Dinge ähnlich. Ihr Atelier, vollgepackt mit Mikrofonen, Schlagzeug und Schallplatten, ist nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern ein kreativer Rückzugsort. „Die Zusammenarbeit mit anderen Hausprojekten ist für uns von zentraler Bedeutung“, erzählt er. Auch sie suchen verzweifelt nach einem neuen Standort im S-Bahn-Ring, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Laut Sabine Kroner vom Rat für die Künste Berlin ist es unmöglich, innerhalb von drei Monaten geeignete Räume zu finden. Sie fordert eine Verlängerung der Kündigungsfrist und kritisiert die kurzfristige Kündigung scharf.

Das Kollektiv Kiefholz19, zu dem zahlreiche Mieter gehören, hat ein einjähriges Moratorium gefordert, um Zeit für eine geregelte Räumung und die Diskussion über die Zukunft des Gebäudes zu gewinnen. „Wir wollen nicht einfach vor die Tür gesetzt werden“, sagt eine Mieterin. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sie das Atelierhaus zu einem kreativen Zentrum verwandelt, und nun stehen sie vor den Trümmern ihrer Existenz.

Politische Reaktionen und Protestaktionen

Die politische Reaktion auf die Kündigungen lässt nicht lange auf sich warten. Moritz Warnke von der Linken, der bei den Abgeordnetenhauswahlen ein Direktmandat im Wahlkreis der Mietergemeinschaft gewonnen hat, fordert eine offene Besprechung der Gutachten und die Rücknahme der Kündigungen. „Ich kenne das Ausmaß des Sanierungsbedarfs noch nicht, aber wir müssen erst einmal ein vollständiges Lagebild erhalten“, erklärt er. Warnke hat auch kritisiert, dass die Kündigungen einen Tag nach der Wahl ausgesprochen wurden. Das lässt Raum für Spekulationen über vorherige Pläne.

Die Mietgemeinschaft hat bereits ein Instagram-Protestkonto eingerichtet und plant weitere Aktionen, darunter eine Kunstversteigerung bei einem Erntedankfest im Hinterhof des Atelierhauses. Die Mieter sind entschlossen, sich juristisch gegen die Kündigungen zu wehren und sammeln dafür Geld. Björn Saul, ein weiterer Mieter, blickt besorgt auf die Zukunft: „Ein alternatives Atelier zu finden, ist ein langer Prozess. Wenn die Kündigung bestehen bleibt, muss ich in meiner Wohnung arbeiten.“

Die Kündigung hat auch die Frage aufgeworfen, wie es mit der kulturellen Infrastruktur in Berlin weitergeht. Die BIM hat zwar erklärt, dass die Kündigungsentscheidung nicht leicht gefallen ist und die Mieter über wesentliche Ergebnisse informiert werden, doch die Mieterschaft fühlt sich im Dunkeln gelassen. Sabine Kubat, die seit 18 Jahren Mieterin ist, fordert die Rücknahme der Kündigungen und einen gemeinsam entwickelten Sanierungsplan. „Das Haus ist instandhaltungsbedürftig, aber es kann genutzt werden“, sagt sie. „Wir sind bereit, höhere Mieten zu zahlen, solange sie bezahlbar bleiben.“

Die Situation ist angespannt. Die Mieter stehen nicht nur vor der Herausforderung, neue Räume zu finden, sie kämpfen auch um ihre kreative Heimat in einem der letzten Atelierhäuser im Eigentum des Landes Berlin. In dieser kreativen Oase, die über die Jahre von den Künstlerinnen und Künstlern lebendig gemacht wurde, könnte bald das Licht ausgehen. Die Frage bleibt: Wie kann Berlin seine Kulturschaffenden unterstützen und gleichzeitig notwendige Sanierungen durchführen? Der Druck ist groß, und die Zeit läuft.