Potsdam im Aufruhr: Ein besetztes Haus und der Kampf um Wohnraum
In Potsdam brodelt es. Das besetzte Haus in der Tornowstraße 40 sorgt für Aufregung. Nachdem die Stadt die Besetzer aufgefordert hat, das Gelände zu räumen, wurde die Polizei hinzugezogen. Eine Woche lang haben die Aktivisten die leerstehenden Räume genutzt, um auf den Missstand des ungenutzten Wohnraums aufmerksam zu machen. Ironischerweise handelt es sich bei dem Gebäude um eine Gewerbeimmobilie, die im Besitz der Kommune ist und für den Bau neuer Wohnungen vorgesehen ist.
Die Oberbürgermeisterin Noosha Aubel hat sich klar positioniert: Illegale Besetzungen seien kein Weg, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Ihre Kritiker, insbesondere die Linksfraktion, sehen das anders. Konstantin Gräfe, Co-Vorsitzender der Fraktion, bezeichnet die Räumung als unverhältnismäßig und stellt den Einsatz des Polizeirechts in Frage. Die Stadt argumentiert, dass durch die Nutzung des leerstehenden Gebäudes eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und die Anwohner entstehe. Das Ordnungsamt hat bereits Platzverweise gegen die Besetzer ausgesprochen und ein erneutes Betreten des Geländes untersagt.
Die Situation der Besetzer
Die Aktivisten haben in dem Gebäude eine Art provisorische Gemeinschaft geschaffen. Es gibt Betten, Couches, Herdplatten und Kühlschränke – ein kleines Zuhause, wo sich Menschen zwischen 18 und 50 Jahren, einige von ihnen zuvor wohnungslos, wohlfühlen. Im Garten haben sie sogar Beete angelegt. Ein Sprecher der Besetzer, Alex, hat klargemacht, dass sie nicht einfach gehen wollen. Sie fordern von der Stadt, die Verantwortung für den Wohnraum zu übernehmen und nicht alles leer stehen zu lassen.
Das besetzte Haus steht seit 2023 leer und wurde zuvor als Gewerbeimmobilie genutzt. Eine Baugenehmigung für eine Wohnnutzung liegt nicht vor, und die Dachverkleidung mit Wellasbestplatten wirft zusätzliche Fragen zur Sicherheit auf. Eine systematische Schadstoffbegutachtung des Gebäudes fand bisher nicht statt. Die Stadt erwägt nun verschiedene Optionen, von der Räumung bis zu einem offiziellen temporären Wohnprojekt. Der Konflikt wirft ein Schlaglicht auf den akuten Wohnraummangel in Potsdam, einer der teuersten Städte Deutschlands.
Der Wohnraummangel in Deutschland
Das Dilemma ist nicht neu. Eine Studie des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ zeigt, dass bundesweit über 550.000 Wohnungen fehlen. Die steigenden Mieten und die hohe Zahl an Leerständen stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zueinander. In Großstädten wie Hamburg und Berlin steht jede dritte leerstehende Wohnung länger als 12 Monate leer. Der Durchschnitt der Mieten ist in den letzten Jahren förmlich durch die Decke gegangen. Allein zwischen 2010 und 2022 stiegen die Wiedervermietungsmieten um fast 70%. Das ist schon ein ziemlich beunruhigendes Bild, wenn man bedenkt, dass 52% der Menschen in Deutschland zur Miete leben.
Die Bundesregierung hatte sich zum Ziel gesetzt, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu schaffen, aber die Realität sieht anders aus. Tatsächlich wurden 2023 nur rund 294.400 neue Wohnungen genehmigt – ein weiteres Indiz für die drängende Problematik. Der Wohnraummangel und die steigenden Mieten sind direkte Folgen einer unzureichenden Bautätigkeit, trotz des hohen Bedarfs. Und während die Politik mit verschiedenen Maßnahmen experimentiert, bleibt die Frage: Wie lange können die Menschen in Städten wie Potsdam, wo Wohnraum ein rares Gut ist, noch auf Veränderungen hoffen?
