Im Herzen von Tempelhof-Schöneberg wird zurzeit ein bewegendes Projekt ins Leben gerufen, das die Klänge der Vergangenheit wieder zum Leben erweckt. Das Landesmusikgymnasium führt 2023 zum vierten Mal das Projekt „Lebensmelodien“ in der Jahrgangsstufe 10 durch. Die Schüler haben die Möglichkeit, sich mit jüdischer Musik aus der Zeit des Holocaust (1933-1945) auseinanderzusetzen. Diese Musik, die in extremen Verfolgungssituationen entstand, half den Menschen in Ghettos und Lagern, zu überleben oder Abschied zu nehmen. Viele dieser Melodien sind in Vergessenheit geraten und sollen nun mehr als 80 Jahre später wieder erklingen.
Initiiert und künstlerisch geleitet wird das Projekt von Nur Ben Shalom, einem talentierten israelischen Klarinettisten, der die Schüler während der Proben unterstützt. Shalom hat bereits in renommierten Musikstätten und Festivals in Europa Konzerte gegeben und bringt seine Expertise in dieses einzigartige Vorhaben ein. Im Rahmen des Projekts erforschen die Schüler historische Werke, die sie neu arrangieren. Live-Aufführungen sind in Konzerthäusern, Synagogen, Kirchen und muslimischen Zentren geplant. Ein besonderes Highlight wird die Aufführung der Werke am 11. Juni 2026 um 19:00 Uhr in der katholischen Pfarrkirche Wirges sein, wo die Schüler auch die Möglichkeit haben werden, ihre Stücke in Auschwitz aufzuführen. Die Schule bedankt sich herzlich bei Nur Ben Shalom und Christof Haxel-Schamuhn für ihre Unterstützung und Expertise.
Die Bedeutung der Musik aus dem Holocaust
Die Lieder aus der Zeit des Holocaust erzählen die Geschichten von Einzelnen, Gruppen und Gemeinden und dienen als Quelle der Einheit, des Trostes, der Dokumentation und des Gedenkens. Diese Melodien verbinden das jüdische kulturelle Leben vor, während und nach dem Krieg und sind ein kraftvoller Ausdruck von Schicksal, Glauben und Hoffnung für Einzelne und Kollektive. Nach dem Krieg soll diese Musik die Erinnerung und das Gedenken wachhalten, sodass die Geschichten und das Leiden der Betroffenen nicht in Vergessenheit geraten.
Ein zentraler Bestandteil dieser Erinnerungskultur ist die erste Aufnahme von Schmerke Kaczerginski im Jahr 1946 für die Zentrale Jüdische Historische Kommission in München, die eine Sammlung von sechzig Liedern umfasst, die im Archiv von Yad Vashem erhalten sind. In einer virtuellen Ausstellung wurden zwanzig Lieder ausgewählt, die die Musik von Straßenmusikanten aus den Ghettos von Lodz und Kowno (Kaunas) präsentieren. Diese Sammlung beinhaltet auch die professionelle populäre Musikkultur des jiddischen Theaters im Ghetto Wilna sowie Lieder der Partisanen von Wilna. Besonders hervorzuheben ist das prophetische Lied „Es brent“ und zwei Lieder von Kaczerginski, die nach dem Holocaust entstanden sind. Alle Lieder werden im jiddischen Original präsentiert und sind ein wichtiges Zeugnis der kulturellen Identität und des Überlebenswillens der jüdischen Menschen in dieser dunklen Zeit.
Insgesamt trägt das Projekt „Lebensmelodien“ nicht nur zur Wiederbelebung dieser wertvollen Musik bei, sondern schafft auch einen Raum für die Auseinandersetzung mit der Geschichte und deren Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft. Es ist eine wertvolle Initiative, die sowohl Bildung als auch Erinnerung in den Fokus rückt und das Bewusstsein für die Bedeutung von Musik als kulturelles Erbe stärkt.