Wenn man an Berlin denkt, denkt man oft an das pulsierende Leben, die Menschenmassen und die Hektik, die einen manchmal überfordert. Anika Franze, gebürtige Berlinerin, hat genau das erlebt. Nach Jahren der Unzufriedenheit in der Metropole, wo der Lärm und der Müll das Lebensgefühl trübten, hat sie den Schritt gewagt und ist nach Guben gezogen – einer kleinen Stadt in der Niederlausitz mit gerade einmal 16.000 Einwohnern. Kaum vorstellbar, oder? Aber für Anika war es genau der richtige Schritt. Seit zwei Jahren lebt sie nun dort und bereut ihre Entscheidung kein bisschen.

Guben hat, wie viele Regionen in Ostdeutschland, mit dem Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Der Leerstand von Wohnungen ist ein echtes Problem. Da kam das Projekt „Probewohnen“ ins Spiel, das 2024 ins Leben gerufen wurde. Anika war die erste Teilnehmerin dieses aufregenden Formats, das es Menschen ermöglicht, für einige Wochen oder Monate in Guben zu leben und Teil des lokalen Lebens zu werden. Vorreiter war Görlitz, wo das Probewohnen seit 2008 angeboten wird. Die Idee hinter diesem Konzept? Einen authentischen Einblick in das Wohnen, Arbeiten und Leben in Guben zu geben. Die meisten Probewohner kommen aus den großen Städten und suchen nach mehr Platz, Lebensqualität und vor allem nach bezahlbarem Wohnraum.

Das Leben in Guben

In Berlin war Anika oft von der stressigen Wohnsituation und dem ständigen Gedränge genervt – ein Gefühl, das nach der Pandemie und dem Ukraine-Konflikt noch verstärkt wurde. In ihrer neuen Dachgeschosswohnung in Guben genießt sie nun die Ruhe und die entspannte Verkehrssituation. Mit einer Warmmiete von unter 700 Euro für 100 Quadratmeter ist die Wohnung nicht nur großzügig, sondern auch ein echter Glücksgriff. Beruflich ist sie für den Verein Gesundheitscampus in der Lausitz tätig und arbeitet im Marketing für eine Wohnungsbaugesellschaft. Ihr Alltag hat sich gewandelt – von der Hektik der Großstadt hin zu einem entspannenden Lebensstil.

Das Probewohnen hat nicht nur Anika neue Perspektiven eröffnet. Im Jahr 2024 gab es 205 Bewerbungen für dieses Projekt, und 32 Personen lebten probeweise in Guben. Fünf von ihnen entschieden sich sogar, dauerhaft umzuziehen. Bürgermeister Fred Mahro hat das Probewohnen als Marketinginstrument für die Region entdeckt, um den Strukturwandel in der Lausitz aktiv zu gestalten. Und das ist auch dringend nötig, denn Ostdeutschland kämpft seit der Wiedervereinigung mit einem Rückgang der Einwohnerzahlen. Der Osten altert schneller als der Westen, und Prognosen zeigen einen dramatischen Rückgang der Erwerbsfähigen bis 2043.

Zukunftsperspektiven

Das Probewohnen wird 2026 seine dritte Staffel starten, mit einem neuen Konzept: Teilnehmer können für zwei bis vier Wochen in einer modernen, voll ausgestatteten Wohnung leben – für 100 Euro pro Woche. Neben der Erkundung von Freizeitangeboten und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird es persönliche Patinnen und Paten geben, die den Probewohnern zur Seite stehen. Das Ziel? Ein tiefer Einblick in das Leben in Guben und die Möglichkeit, die Stadt und ihre Menschen kennenzulernen.

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Das Angebot richtet sich insbesondere an Fachkräfte, Familien und Rückkehrinteressierte. Bewerbungen sind ab sofort möglich – ein Online-Bewerbungsbogen fragt Motivation, Erwartungen und persönliche Hintergründe ab. Der Erfolg des Probewohnens könnte für viele strukturschwache Regionen wegweisend sein, um demografische Herausforderungen zu meistern und neue Bewohner zu gewinnen.

Doch es gibt Herausforderungen. Die Verfügbarkeit von Wohnraum, Infrastruktur, Kita-Plätze und die Anbindung an den Arbeitsmarkt spielen eine entscheidende Rolle. Es bleibt abzuwarten, ob das Probewohnen eine nachhaltige Lösung für die Probleme in Guben und anderen betroffenen Regionen sein kann. Anika jedenfalls plant, in Guben zu bleiben – und das sagt viel über die positiven Erfahrungen, die sie dort gemacht hat.

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