In den verwinkelten Gassen von Berlin, wo Geschichte und Gegenwart oft Hand in Hand gehen, gibt es immer wieder Geschichten, die uns fesseln. Eine solche ist die des Katzenellenbogen-Zyklus von Lovis Corinth – ein Kunstwerk, das nicht nur die Wände eines Speisezimmers zierte, sondern auch ein Stück deutscher Kulturgeschichte erzählt. Zwischen 1913 und 1914 malte Corinth elf beeindruckende Bilder für Estella und Ludwig Katzenellenbogen, die auf ihrem Gut Freienhagen nördlich von Berlin lebten. Diese Werke entstanden in einer Zeit, in der Corinth in Berlin zu einem der gefragtesten Künstler avancierte und markieren einen Höhepunkt seiner Schaffensphase.

Das bekannteste dieser Gemälde ist ohne Zweifel „Odysseus im Kampf mit den Freiern“. Hier zeigt Corinth den griechischen Helden in einem dramatischen Moment: Odysseus, unterstützt von seinem Sohn Telemachos und der Göttin Athene, offenbart sich den Freiern, die um die Hand seiner Frau Penelope buhlen. Es ist ein Bild voller Dynamik, in dem die Pinselstriche lebendig werden und die Emotionen förmlich aus der Leinwand springen. Neben diesem Meisterwerk finden sich weitere Szenen aus Ariosts „Der rasende Roland“ – Motive, die den Betrachter auf eine Reise in die Welt der klassischen Epen mitnehmen.

Die Katzenellenbogens – Ein Leben zwischen Kunst und Skandalen

Estella Katzenellenbogen, geboren als Marcuse, war nicht nur die Muse Corinths, sondern auch eine talentierte Kunstsammlerin und Galeristin. Mit ihrem Mann Ludwig, einem Brauerei-Direktor, lebte sie ein Leben voller Luxus und Künste, umgeben von Reitpferden und teuren Automobilen. Ihre Kunstsammlung umfasste Werke von Größen wie Cézanne, van Gogh und Monet – eine wahre Schatzkammer! Doch nicht alles war eitel Sonnenschein. Die Beziehung zwischen Estella und Ludwig war von Spannungen geprägt. Gerüchte über eine außereheliche Affäre Estellas mit dem Galeristen Paul Cassirer machten die Runde. Nach Cassirers tragischem Suizid im Jahr 1926 soll sie sogar eine Beziehung mit dem berühmten Physiker Albert Einstein gehabt haben.

Die Ehe der Katzenellenbogens zerbrach 1929, und Ludwig heiratete kurz darauf die Schauspielerin Tilla Durieux. Estella hingegen behielt die Villa in der Bendlerstraße und die wertvolle Kunstsammlung, einschließlich des Corinth-Zyklus, der ihr viele Jahre später helfen sollte, als sie 1936 vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland floh.

Die Flucht und das Erbe der Kunst

Die Flucht führte Estella zunächst in die Schweiz und später nach Los Angeles, wo sie ein bedeutendes Mitglied der deutschsprachigen Exilgemeinschaft wurde. Ihr Sohn Konrad, der später seinen Nachnamen in Kellen änderte, kämpfte gegen das NS-Regime und arbeitete als Sekretär für Thomas Mann. Estella lebte in Kalifornien, handelte mit Kunst und führte zeitweise eine Galerie, die Werke von Paul Klee anbot. Ihre Lebensgeschichte ist nicht nur die eines Aufstiegs in die Welt der Kunst, sondern auch die eines Kampfes gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Die Berlinische Galerie hat den Katzenellenbogen-Zyklus in den letzten Jahren behutsam zusammengeführt und stellt die Werke in der kommenden Ausstellung „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ aus, die vom 9. Oktober 2026 bis 25. Januar 2027 zu sehen sein wird. Darunter befinden sich neun Werke der Berlinischen Galerie sowie die „Bacchantin“ als Leihgabe. Die Geschichte dieser Bilder, die einst in einem Speisezimmer hingen, ist eine Geschichte von Verlust, Liebe und Wiederentdeckung.

Ein Modell im Maßstab 1:12 wird zeigen, wie die Gemälde einst im Speisezimmer des Guts Freienhagen angeordnet waren. Der Gebäudegrundriss, der 2025 im Brandenburgischen Landeshauptarchiv entdeckt wurde, bietet einen faszinierenden Einblick in die Vergangenheit. Das Gutshaus selbst existiert nicht mehr, es wurde nach 1945 abgerissen, doch die Erinnerungen und die Kunst leben weiter.

In einer Zeit, in der die Diskussion um NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter immer lauter wird – wie zuletzt bei der Empfehlung der Beratenden Kommission für die Rückgabe von Kunstwerken – zeigt sich, wie wichtig das Erbe der Katzenellenbogens und ihre Verbindung zu Corinth sind. Das Schicksal dieser Kunstwerke ist ein Spiegelbild der wechselvollen Geschichte Berlins und der Menschen, die darin lebten.