Am 7. Februar 2023 wurde auf dem Landschaftsfriedhof in Berlin-Gatow ein Gedenkstein für Hatun Sürücü enthüllt. Frische Blumen schmücken den Findling, der nun Teil eines dauerhaften Gedenkortes ist. Die 23-jährige Hatun wurde vor mehr als 21 Jahren von ihrem Bruder in Berlin-Tempelhof erschossen, ein Verbrechen, das die Diskussion über patriarchale Strukturen in muslimischen Einwandererfamilien anheizte. Der Bezirk Spandau investierte 10.000 Euro in die Umbettung und die neue Ruhestätte, die nun als Ehrengrab für die nächsten 20 Jahre dient.

Die alte Grabstätte von Hatun Sürücü befand sich auf dem islamischen Friedhof in Gatow, der seit 1988 existiert und auf dem etwa 10.000 Muslime begraben sind. Die Familie von Hatun war für das Bezirksamt nicht erreichbar, doch ihr Sohn Can Sürücü bedankte sich während der Gedenkfeier bei den Anwesenden. Vor ihrem neuen Grab wurden Vergissmeinnicht und Frauenmantel gepflanzt – eine zarte Geste des Gedenkens.

Ein Leben im Schatten der Ehre

Hatun Sürücü wurde 1982 in Berlin geboren, ihre Eltern stammten aus der Türkei und waren in den 1970er Jahren nach West-Berlin umgesiedelt. Als fünftes Kind und erste Tochter wuchs sie in Kreuzberg mit fünf Brüdern und drei Schwestern auf. Nach der 8. Klasse brach sie die Schule ab, doch mit 16 Jahren wurde sie gegen ihren Willen in Istanbul verheiratet und wurde schwanger. Nach einem Streit kehrte sie allein nach Berlin zurück und brachte ihren Sohn Can zur Welt.

Sie lebte in einem Wohnheim für minderjährige Mütter, legte ihr Kopftuch ab und holte ihren Hauptschulabschluss nach. Hatun Sürücü war eine selbstbewusste und eigenständige Frau, die eine Lehre als Elektroinstallateurin begann. 2005 stand sie kurz vor dem Abschluss ihrer Gesellenprüfung und plante, nach Freiburg zu ziehen. Der Kontakt zu ihrer Familie blieb, sie wollte akzeptiert werden – doch das sollte nicht geschehen. Am 7. Februar 2005 wurde sie an einer Bushaltestelle erschossen. Der Grund? Ihre Trennung von einem Cousin, mit dem sie gegen ihren Willen verheiratet wurde.

Ehrgewalt und ihre Schatten

Der Mord an Hatun Sürücü war nicht der erste seiner Art in Deutschland und lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Ehrgewalt. Ihr Tod wurde als eine „notwendige Reaktion auf eine Ehrverletzung“ betrachtet, da sie eigenständig lebte und kein Kopftuch trug. Diese Gewalt wird oft mit muslimisch geprägten Milieus in Verbindung gebracht, doch sie ist ein globales Problem, das auf patriarchalen Strukturen basiert. In vielen Kulturen gibt es Traditionen, die Ehrgewalt legitimieren.

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Im Sommer 2006 wurde Hatuns 16-jährige Schwester Songül abgemeldet, um in die Türkei zu ziehen. Ihr Sohn Can lebte bis zur Volljährigkeit bei einer Pflegefamilie, während ihre Schwester Arzu das Sorgerecht für ihn beantragte – was abgelehnt wurde. Der Mord führte zu einer breiten politischen Debatte über Gewalt gegen Frauen und inspirierte zahlreiche Initiativen zur Bekämpfung von Zwangsverheiratung.

Der Täter, Hatuns jüngster Bruder Ayhan, gestand den Mord und wurde zu einer Jugendstrafe von neun Jahren verurteilt. Nach mehr als neun Jahren Jugendhaft wurde er in die Türkei abgeschoben, während die beiden anderen Brüder vom Vorwurf der Mittäterschaft freigesprochen wurden. Ein trauriges Ende für eine tragische Geschichte, die aber nicht vergessen werden sollte.

Hatun Sürücüs Grab wird nun auf dem Landschaftsfriedhof in Gatow nicht mehr vernachlässigt, und ihr Gedenken bleibt lebendig. Ihr Fall hat nicht nur Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, sondern auch Initiativen inspiriert, die Frauen unterstützen und gegen Zwangsheiratspraktiken kämpfen. Ein kleines Licht in einem Meer von dunklen Geschichten – das bleibt, was wir von Hatun Sürücü mitnehmen können.