Skepsis in Berlin: Rot-Rot-Grün vor der Herausforderung Antisemitismus und Enteignungspläne zu meistern
In Berlin rumort es gewaltig. Die SPD, die Grünen und die Linke stehen vor den Koalitionsverhandlungen über ein rot-rot-grünes Bündnis. Doch die Bevölkerung zeigt sich alles andere als begeistert. Eine aktuelle INSA-Umfrage im Auftrag von BILD offenbart, dass viele Berliner der geplanten Zusammenarbeit skeptisch gegenüberstehen. Besonders kritisch wird der Antisemitismus innerhalb der Linkspartei betrachtet. Auch die Enteignungspläne, die die drei Parteien favorisieren, stoßen auf breite Ablehnung.
Die Vorgespräche sind mittlerweile beendet, und die Sondierungen laufen auf Hochtouren. Es wird viel über gemeinsame Erklärungen zu Antisemitismus und organisierter Kriminalität gesprochen. In einer Vereinbarung wurden acht Punkte festgehalten, die eine besondere Verantwortung Deutschlands zum Schutz jüdischen Lebens betonen. Das Existenzrecht Israels wird als „unverhandelbar“ deklariert, und es wird ein entschlossenes Vorgehen gegen Gewalt und Hetze gefordert. Das klingt alles sehr hehr und edel, doch die Skepsis bleibt, wie die Umfrage zeigt.
Antisemitismus und die Linkspartei
Die Kritiker der Linkspartei haben reichlich Argumente. Eine zentrale Figur ist die neu gewählte Abgeordnete Vanessa „Vedi“ Emde aus Neukölln. Sie steht im Fokus der Diskussion, insbesondere wegen ihrer umstrittenen Äußerung, dass „Staaten kein Existenzrecht“ haben. Diese und ähnliche Aussagen werfen ein Schatten auf die Bemühungen um ein respektvolles Miteinander. Linken-Landeschefin Kerstin Wolter hingegen betont, dass die vereinbarten Mechanismen ab dem Zusammentritt der Fraktionen gelten. Aber wie verbindlich sind diese Versprechen wirklich?
Die Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität der Berliner Linken hat bereits ihren Unmut geäußert und sieht die Einigung als „autoritären Ton“. Sie lehnen die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus ab und kritisieren, dass palästinasolidarische Positionen diszipliniert werden sollen. Das sorgt für zusätzlichen Zündstoff in einer ohnehin angespannten Situation.
Blick auf die Sondierungen
Die Sondierungen sind ein Balanceakt. SPD-Landes- und Fraktionschef Steffen Krach hat klare Erwartungen an die Linksfraktion formuliert. Die Verhandlungen sind durchzogen von Fragen zu großen privaten Immobilienkonzernen und der Finanzierung angesichts der angespannten Haushaltslage. Und während die CDU und AfD die Sondierungen scharf kritisieren, bleibt der Ausgang der Gespräche offen. Ein Parteitag der Linken muss der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zustimmen, bevor es richtig zur Sache geht.
Die Vereinbarung, die die drei Parteien ausgearbeitet haben, ist ein ehrgeiziger Versuch, Antisemitismus und organisierte Kriminalität in den Griff zu bekommen. Doch ob diese Regeln auch tatsächlich durchgesetzt werden, bleibt fraglich. Immerhin sollen Verstöße bis hin zu Partei- oder Fraktionsausschlüssen geahndet werden. Eine dreiköpfige Expertenkommission könnte bei antisemitischen Vorfällen zur fachlichen Bewertung hinzugezogen werden. Doch wie effektiv wird das wirklich sein?
Ein schmaler Grat
Es ist klar, dass die Berliner Koalition vor großen Herausforderungen steht. Die angespannten gesellschaftlichen Debatten über Antisemitismus, über den Umgang mit der palästinensischen Frage und die Verantwortung für die Vergangenheit sind allgegenwärtig. Die Berliner Vereinbarung thematisiert nicht nur die Verantwortung für jüdisches Leben, sondern auch die Notwendigkeit, die Erinnerung an die Shoah wachzuhalten und jüdisches Leben in der Gegenwart zu stärken.
Am Ende sind es die konkreten Taten, die zählen werden. Die Verfassung soll ergänzt werden, um Antisemitismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen. Ob all diese hohen Ziele und Versprechen auch in der Praxis umgesetzt werden können, bleibt abzuwarten. Die Berliner stehen am Anfang eines neuen Kapitels in ihrer politischen Geschichte – und die Frage, wie dieses Kapitel aussehen wird, bleibt bis auf Weiteres offen.
