In Reinickendorf, wo die Berliner Luft noch den Hauch von Geschichten trägt, wird die Lebensmitte zum spannenden Schauplatz eines amüsanten Theaterstücks. Die Komödie im Ernst-Reuter-Saal hat die Bühnenfassung von Stefan Vogel, „Es ist nur eine Phase, Hase“, aufgegriffen, und sie bringt es auf den Punkt: Was passiert, wenn der Verlagslektor Mischa (brillant gespielt von Götz Otto) nach 23 Jahren in den Ruhestand gedrängt wird? Ein Gefühl von Enttäuschung und verpassten Chancen schwingt mit. Wie oft hat er sich gefragt, was gewesen wäre, wenn er das eine erfolgreiche Buch nicht abgelehnt hätte? Diese Fragen kommen nicht nur ihm, sondern vielen von uns in der Lebensmitte bekannt vor.
Seine Frau Christiane (Katja Studt) steckt voller Verpflichtungen, wie das Korrigieren von Abi-Klausuren, während sie versucht, ihn aufzumuntern. Inmitten dieser inneren Kämpfe feiert Mischa seinen 50. Geburtstag mit seinem besten Freund Klaus (Thorsten Nindel) und dessen Frau Heike (Nicola Ransom). Ein bisschen wie die gute alte Zeit, doch die Realität holt Klaus schneller ein, als ihm lieb ist: Heike hat ihn für einen jüngeren Mann verlassen, und nun quartiert er sich bei Mischa ein. Ein klassisches „Einer für alle und alle für einen“ – auch wenn es nicht ganz so heroisch ist.
Der Weg zur Selbstfindung
Heike bringt ein Buch mit, das sich mit der Midlife-Krise beschäftigt, und Mischa, in einem Anflug von Spontaneität, kauft sich ein Rennrad. Plötzlich wird er zum sportlichen Typen in bunter Rennrad-Kombination. Es ist lustig und gleichzeitig traurig, diese Wendung seines Lebens zu beobachten. Aber ist das nicht genau das, was viele von uns in dieser Phase erleben? Die Frage nach dem Sinn des Lebens drängt sich auf: „Wozu lebe ich? Was will ich erreichen?“ Es ist, als würde ein innerer Dialog beginnen, der oft verdrängte Wünsche und Emotionen ans Licht bringt.
Der Sohn Lukas (Louis Held) kommt nach dem Physikum zu seinen Eltern – ein kleiner Lichtblick in der chaotischen Lebensphase seines Vaters. Die Inszenierung wird als humorvoll beschrieben, und das gut eingespielte Ensemble sorgt dafür, dass die Zuschauer nicht nur lachen, sondern auch nachdenklich werden. Götz Otto wird für seine schauspielerische Präsenz gelobt, und man merkt, dass er die Wandlung seines Charakters auf die Bühne bringt, mit all seinen Facetten.
Die Krise als Chance
Ein Blick über das Bühnengeschehen hinaus zeigt, dass die Lebensmitte oft eine Krise mit sich bringt, die notwendig ist, um vom Ego zum Selbst zu gelangen. C.G. Jung spricht von der Integration der eigenen Schattenseiten und der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Diese Themen werden im Stück auf humorvolle Weise angesprochen. Vielleicht ist es gerade die Herausforderung, alte Verhaltensweisen und Beziehungen loszulassen, die uns dazu bringt, ehrlich zu uns selbst zu sein.
Johannes Tauler beschreibt Fluchttendenzen in der Lebensmitte – wie der Drang, äußerlich zu verändern, ohne innerlich gewandelt zu sein. Diese Dynamik ist nicht nur für Mischa und Klaus von Bedeutung, sondern für viele in der Mitte des Lebens. Der Prozess der inneren Verwandlung mag schmerzhaft sein, aber er öffnet die Tür zu einem gelasseneren und weiseren Leben. Die Krisen können alte Sicherheiten aufbrechen und Raum für Neues schaffen. Und genau hier liegt die Chance, die Mischa und seine Freunde vielleicht auch entdecken werden.
Bis zum 31. Mai kann man sich diesen unterhaltsamen und nachdenklichen Abend am Eichborndamm 213 nicht entgehen lassen. Ein Stück, das zum Lachen einlädt – und gleichzeitig dazu, über die eigene Lebenssituation nachzudenken. Denn wie sagt man so schön: Es ist nie zu spät für einen Neuanfang!