Der Poesieautomat im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung am Anhalter Bahnhof erfreut sich großer Beliebtheit. Die Besucher sind oft auf der Suche nach einem der begehrten 50-Cent-Stücke, um ihre Poesie-Lust zu stillen. Am Montagabend war es für viele eine Herausforderung, das nötige Kleingeld zu finden, da Wechselgeld in Form von 50-Cent-Münzen zur Mangelware geworden war. Ein aufmerksamer Besucher hat schließlich ein passendes Münzstück in seiner Manteltasche entdeckt und konnte damit ein Gedicht aus dem Exil-Poesieautomaten ziehen.
Der Automat gab ein blaues Pappschächtelchen mit einem Leporello heraus, das Verse von Ilana Shmueli, einer bedeutenden jüdischen Dichterin aus Czernowitz, enthielt. Diese wurde 1924 geboren und überlebte das Ghetto, bevor sie nach dem Krieg nach Jerusalem auswanderte. In einem ihrer Gedichte lautet ein eindrucksvolles Beispiel: „Ohne Boden war die Heimat / meine Heimat die mich schulte / Wurzeln in den Wind zu schlagen.”
Das Leben der Ilana Shmueli
Ilana Shmueli wurde am 7. März 1924 in Czernowitz, Bukowina, Rumänien, geboren und starb am 11. November 2011 in Jerusalem. Ihre Wurzeln liegen in einer wohlhabenden Familie; ihr Vater studierte Ingenieurwesen in Wien und gründete eine Möbelfabrik in Bukowina. Er war ein engagierter Zionist und Vorsitzender des Czernowitzer Makkabi-Fußballclubs. In der Familie sprach man gehobenes Deutsch, und Ilana erlernte mehrere Sprachen, darunter Rumänisch, Latein, Französisch, Hebräisch und Englisch.
Mit dem Einmarsch der Sowjets 1939 wechselte Shmueli auf eine jiddische Schule, wo sie Russisch lernte. 1941 erlebte sie die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung in Czernowitz, und ihre Familie gelang 1944 die Flucht nach Palästina. Dort studierte sie Musik- und Sozialpädagogik und arbeitete später im israelischen Wohlfahrtsministerium in Tel Aviv. Erst nach ihrer Pensionierung begann sie ernsthaft zu schreiben und versuchte, Gedichte von Paul Celan ins Hebräische zu übersetzen.
Literarische Werke und Vermächtnis
Zu ihren bekanntesten Veröffentlichungen zählen:
- „Ein Kind aus guter Familie. Czernowitz 1924–1944“ (2006)
- „Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt. Gedichte“ (2007)
- „Zeitläufe – ein Brief“ (2009)
- „Sag, daß Jerusalem ist. Über Paul Celan“ (2010)
- „Leben im Entwurf. Gedichte aus dem Nachlass“ (2012)
Shmueli war nicht nur Dichterin, sondern pflegte auch eine enge Freundschaft zu Paul Celan, die mit einem regen Briefwechsel einherging. Ihre literarischen Beiträge haben zahlreiche Analysen und Artikel inspiriert.
In Anbetracht der aktuellen Diskussion um Antisemitismus und das jüdische Leben in Deutschland sind die Werke von Shmueli und ihre biografischen Hintergründe von großer Bedeutung. Sie ermöglichen Einblicke in die Geschichte und das Schicksal jüdischer Menschen.
Für Interessierte empfiehlt sich die umfangreiche Literaturliste des Zentralrats der Juden in Deutschland, die zahlreiche Werke und Themen, darunter auch Antisemitismus und jüdische Identität, abdeckt.
