Neukölln als Modell für interreligiösen Dialog: Gemeinsam gegen Vorurteile und für Verständnis
In Neukölln, einem der buntesten Stadtteile Berlins, blüht der interreligiöse Dialog auf. Hier leben Menschen aus den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen zusammen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, in dem Begegnungen zwischen Juden und Muslimen nicht nur möglich sind, sondern auch aktiv gefördert werden. Dekel Peretz, praktizierender Jude, und Alyaa Ebbiary, Muslimin, sind zwei herausragende Stimmen in diesem Dialog. Beide forschen seit 2019 im Rahmen des Projekts „Encounters“ zu muslimisch-jüdischen Begegnungen in urbanem Europa. Ihre Überzeugung: Krisenzeiten, wie die aktuellen Konflikte in Israel, können den Austausch zwischen den Glaubensgemeinschaften sogar ankurbeln.
Peretz, der 2002 von Israel nach Berlin zog und Neukölln wegen seiner Vielfalt wählte, hat eine besondere Verbindung zur Synagoge am Fraenkelufer, deren Geschichte eng mit der jüdischen Migration im frühen 20. Jahrhundert verknüpft ist. Als früherer Programmdirektor dieser Synagoge und nun verantwortlich für den Wiederaufbau der Hauptsynagoge, setzt er sich leidenschaftlich für den Dialog ein. Alyaa Ebbiary bringt 15 Jahre Erfahrung in interreligiösen Projekten mit und ist ebenfalls Teil des „Encounters“-Projekts. Die beiden Forscher betonen, dass Konflikte, die in Krisenzeiten auftreten, nicht immer negativ sind, sondern Teil echter Begegnungen werden können. Diese Perspektive ist besonders wichtig, wenn man die wachsenden Spannungen zwischen Muslimen und Juden in Europa betrachtet.
Die Realität vor Ort
Ein weiterer Akteur in diesem Dialog ist Nazih El-Chouli, ein 58-jähriger Palästinenser, der im Jugendzentrum Outreach in Neukölln arbeitet. Sein Werdegang ist von Flucht und Migration geprägt; sein Vater floh 1971 aus dem Libanon und die Familie kam 1978 nach Deutschland. El-Chouli hat über 30 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen in einem türkisch-arabisch geprägten Kiez. Mit einem scharfen Blick für die Herausforderungen, die antisemitische Ressentiments unter Jugendlichen mit sich bringen, organisiert er interkulturelle Projekte, die dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Reisen nach Israel und Besuche im Jüdischen Museum Berlin sind einige seiner Initiativen, die oft zu einem besseren Verständnis zwischen den Kulturen führen.
Nach dem 7. Oktober 2023, einem Tag, der die Situation in Israel und Europa nachhaltig beeinflusste, gründete El-Chouli zusammen mit einem israelischen Freund die Gruppe „Lass uns darüber reden“. Sie zählt mittlerweile rund 60 Mitglieder – eine bunte Mischung aus Palästinensern, Israelis und Deutschen. Anfangs waren einige Israelis skeptisch, Neukölln zu besuchen, aber palästinensische Bewohner begleiteten sie und schufen eine Atmosphäre der Offenheit.
Der Dialog als Schlüssel
In einer multikulturellen und multireligiösen Welt, wie wir sie im 21. Jahrhundert erleben, wird der Dialog zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen immer wichtiger. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich zum Ziel gesetzt, solche Begegnungen aktiv zu fördern. Es geht darum, interreligiöse Kompetenzen zu entwickeln, die in einer religiös pluralen Gesellschaft unerlässlich sind. Dabei wird der Austausch von Erfahrungen und theologischen Fragestellungen als Schlüsselqualifikation betrachtet.
Die Herausforderungen sind groß, denn es gibt nicht nur kulturelle, sondern auch strukturelle Ungleichheiten, die über den Dialog hinausgehen. Vanessa Rau, Soziologin und Mitinitiatorin des Projekts „Encounters“, untersucht derzeit die wachsende jüdische Szene in Berlin und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für interreligiöse Aktivitäten. Ihre Forschung zeigt, dass kulturelle Unterschiede oft nicht die Hauptbarrieren für Beziehungen sind. Vielmehr sind es die strukturellen Gegebenheiten, die den Austausch behindern können.
Die sozialen Medien spielen dabei eine ambivalente Rolle. Sie verstärken nicht nur Feindseligkeiten, sondern zeigen auch Beispiele von Solidarität und Verständnis. Peretz und Rau kritisieren die politische Anrufung an muslimische Gemeinschaften, sich von Juden zu distanzieren. Stattdessen glauben sie, dass Krisenzeiten den Dialog fördern können, anstatt ihn zu beenden. In Neukölln, wo der interreligiöse Austausch bereits blüht, ist es an der Zeit, dass diese Stimmen Gehör finden und den Weg für eine harmonischere Zukunft ebnen.
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