In Neukölln, wo sich der Puls der Stadt mit jedem Schritt anfühlt, gibt es einen Ort, der erst vor wenigen Jahren in Vergessenheit geraten war. Das ehemalige Galeria-Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße, das ab 2019 leer stand, hat sich in ein neues Leben verwandelt. Nach einem Umbau für etwa 200 Millionen Euro erstrahlt das Areal nun als „Kalle Neukölln“. Hier findet man einen überdachten Wintergarten, den Plattenladen Rough Trade, einen Food Court, Räume für Start-ups und sogar eine Privatuniversität. Und das ist noch nicht alles: Gewächshäuser, eine Dachterrasse und ein 17 Meter langer Pool machen diesen Ort zu einem bunten Schmelztiegel für Kreativität und Genuss.

Es ist spannend zu beobachten, wie solche Umbauten in anderen Städten ebenfalls geschehen. Während ehemalige Kaufhäuser in Berlin neues Leben einhauchen, verwandeln sich ähnliche Gebäude in Städten wie Lübeck oder Witten in Schulen oder Supermärkte. Der Trend bewegt sich klar in Richtung Mixed-Use-Konzepte, die Handel, Gastronomie, Büros, Wohnen, Bildung, Gesundheit und Freizeit vereinen. Doch während in Neukölln die Zukunft aufblüht, sieht die Situation bei Galeria, dem Betreiber der 83 verbliebenen Warenhäuser in Deutschland, alles andere als rosig aus.

Ein Schatten der Vergangenheit

Am 2. Oktober 2026 meldete Galeria zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren Insolvenz an. Der vorläufige Insolvenzverwalter Frank Kebekus hat nun das Sagen, während die Geschäftsführung ihre Befugnisse verloren hat. Trotz der ernsten Lage sollen die 83 Filialen vorerst weiterlaufen. Rund 12.000 Beschäftigte sind betroffen, die sich vorerst auf Insolvenzgeld verlassen können – ein schwacher Trost, der die leeren Regale und sinkenden Umsätze nicht füllen kann.

Die Ursachen für diese Misere sind vielfältig. Bereits vor der Pandemie stand das Warenhausgeschäft unter Druck, ausgelöst durch den wachsenden Online-Handel, verändertes Konsumverhalten und hohe Kosten in Innenstadtlagen. Die erste Insolvenz 2020 kam, als die Pandemie alle Filialen schloss. Trotz eines Schutzschirmverfahrens blieben die strukturellen Schwächen bestehen. Mehrere Insolvenzen folgten, und die Signa-Holding, die einst Galeria unterstützte, stürzte 2023 in die Insolvenz, was zur Streichung von 200 Millionen Euro an Sanierungsgeldern führte.

Ein Blick in die Zukunft

Die Verlagerung des Unternehmenssitzes von Essen nach Düsseldorf und die Umbenennung in „Galeria“ sind nur einige der Schritte, die in der Hoffnung getroffen wurden, das Ruder herumzureißen. Doch die Realität ist hart: Vermieter melden Mietrückstände, und die Kreditlinie von Gordon Brothers reicht nicht aus, um das drohende Aus zu verhindern. Der Druck auf das Unternehmen wächst, und die Frage, welche Standorte langfristig überleben, bleibt offen.

In der Zwischenzeit bleibt der deutsche Einzelhandel nicht verschont von den Wellen des Strukturwandels. Die Konsumstimmung ist gedämpft, doch 2025 erzielte der Einzelhandel ein nominales Umsatzwachstum von 2,4 Prozent. Der Online-Handel boomt, während der stationäre Handel zunehmend unter Druck gerät. Überall wird gespart, und jeder dritte Händler erwartet eine weitere Verschlechterung seiner Geschäftslage. Die Herausforderungen sind zahlreich: steigende Kosten, Fachkräftemangel und ein Überangebot an Verkaufsflächen setzen dem Einzelhandel zu.

Die Hoffnung auf Veränderung

Ein Lichtblick könnte die Entwicklung von Omnichannel-Strategien sein, wo stationäre Geschäfte, Online-Shops und soziale Medien miteinander verknüpft werden. Die Zeiten, in denen Filialen nur Verkaufsflächen waren, sind vorbei. Jetzt sind sie Orte des Erlebens, der Beratung und des Austauschs. Die Frage bleibt, ob Galeria und andere Unternehmen den Sprung schaffen, oder ob sie den Schatten der Vergangenheit nicht ablegen können.