Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, das zeigt eindrucksvoll die Geschichte von Amin Werner. Mit 57 Jahren hat dieser Berliner, der einst als Anwalt im Lebensmittelrecht tätig war, den Sprung gewagt und sich in die Welt des Handwerks gestürzt. Wer hätte gedacht, dass ein ehemaliger Hauptgeschäftsführer im deutschen Bäckerhandwerk, der fast 25 Jahre lang ein Leben in Anwaltskanzleien führte, eines Tages Zimmerei betreiben würde? In Berlin-Frohnau ist er nun der Chef von zwölf Mitarbeitern, darunter sechs Auszubildende, und das alles begann mit einem Kindheitstraum: Holz zu bearbeiten und mit den eigenen Händen etwas zu schaffen.

Seine Reise begann 2015, kurz vor seinem 50. Geburtstag, als Werner die Entscheidung traf, seine juristische Karriere hinter sich zu lassen. Der Weg war nicht einfach und führte ihn erst einmal durch diverse Start-ups und Reisen, bis die Pandemie ihm den entscheidenden Anstoß gab. Eine Netflix-Serie über Tiny Houses inspirierte ihn schließlich, eine Ausbildung zum Zimmerer zu beginnen. Obwohl er aufgrund seines Alters seine Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen konnte, war er in der Berufsschule der älteste Schüler – seine Klassenkameraden könnten seine eigenen Kinder sein. Komischerweise fühlte sich das für ihn nicht einmal seltsam an.

Ein neuer Lebensabschnitt

Im Jahr 2021, mit 55 Jahren, startete er seine Lehre als Zimmerer. Zunächst arbeitete er als Bauhelfer, sammelte Erfahrungen und gab sogar seine Anwaltszulassung zurück. Die Gründung seiner eigenen AW Tiny Haus GmbH folgte bald darauf, und mit einem Meister an seiner Seite setzt er seine Lehre in der eigenen Werkstatt in Oranienburg fort. Der ursprüngliche Plan, sich auf den Bau von Tiny Houses zu spezialisieren, musste allerdings aufgrund bürokratischer Hürden überdacht werden. Stattdessen konzentriert sich Werners Betrieb jetzt auf die klassische Zimmerei.

Die Herausforderungen, die er in der Ausbildung erlebt hat, sind nicht zu vernachlässigen. Der Blockunterricht und die Abwesenheit der Lehrlinge stellen Hürden dar, die es zu überwinden gilt. Dennoch hat Werner positive Rückmeldungen auf seine Stellenanzeigen erhalten und sieht seine Firma weiter wachsen. Der Stolz, der ihm beim Arbeiten mit Holz und beim Bau eigener Häuser entgegenstrahlt, ist unverkennbar. Er hat sogar die Gesellenprüfung bestanden – eine Errungenschaft, die er mit seinem Team feierte.

Ein Blick auf die Arbeitsmarktsituation

In einem Kontext, der sich ständig verändert, ist der Anstieg der älteren Beschäftigten in Deutschland ein bemerkenswerter Trend. Im Jahr 2024 waren rund 7,8 Millionen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 55 und unter 65 Jahren – das sind 23% der erwerbsfähigen Bevölkerung. Dieser Anstieg zeigt, wie sich die Arbeitswelt wandelt und dass ältere Arbeitnehmer eine wichtige Rolle spielen, auch wenn der Wiedereinstieg oft mit Herausforderungen verbunden ist. Daniel Terzenbach, Vorstand Regionen, hebt hervor, wie wichtig es ist, älteren Beschäftigten faire Chancen zu geben. Schließlich bringen sie wertvolle Erfahrungen und Perspektiven mit.

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Werner plant bis zu seinem 70. Lebensjahr im Betrieb zu arbeiten und hat sogar vor, dass seine Mitarbeiter schrittweise Anteile am Unternehmen übernehmen. Mit dieser Vision für die Zukunft ermutigt er andere, einen Berufswechsel in der Lebensmitte in Betracht zu ziehen. Die greifbaren Ergebnisse im Handwerk, das Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, und die Möglichkeit, die eigene Karriere neu zu gestalten, sind für ihn unbezahlbar. Er ist das lebendige Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, seine Träume zu verwirklichen – ganz gleich, wie viele Umwege man dafür gehen muss.