Heute ist der 9.05.2026, und während Berlin in frühlingshaftem Licht erstrahlt, hat der Tag für viele einen ganz besonderen Klang. Es ist der Tag der Befreiung, der in Russland traditionell gefeiert wird – ein Feiertag, der den Sieg über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg zelebriert. In diesem Jahr hat Sergej Netschajew, der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, einen prall gefüllten Kalender, um diesem Ereignis Rechnung zu tragen. Am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park versammeln sich Hunderte Menschen, um ihrer Vorfahren zu gedenken und die Tradition aufrechtzuerhalten.
Die ersten Schritte von Netschajew führen ihn um 9 Uhr zur Kranzniederlegung am Ehrenmal. Das ist nicht nur ein symbolischer Akt, sondern auch ein Teil der Propaganda, die im System Putin fest verankert ist. Fragen zur Verantwortung für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine schwirren durch die Luft – ein junger Mann mit einer ukrainischen Flagge lässt keinen Zweifel daran, dass viele Teilnehmer nicht für die Erinnerungskultur, sondern zur Unterstützung der Invasion gekommen sind. Unter den Anwesenden sind auch ideologische Gruppen wie die kommunistische DKP und der Reichsbürger Rüdiger Hoffmann, was die multikulturelle und ideologisch vielfältige Natur der Versammlung unterstreicht.
Ein bewegter Vormittag im Treptower Park
Am Ehrenmal wird ein Kranz von der Organisation „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“ niedergelegt, die in der Vergangenheit immer wieder in die Kritik geraten ist. Verdacht auf Unterstützung prorussischer Milizen in der Ostukraine schwebt über dem Verein, dessen Vorsitzende in Russland lebt. Technische Probleme – die Bluetooth-Box funktioniert nicht – sorgen für einen kleinen Dämpfer bei der Zeremonie, doch die Atmosphäre bleibt angespannt. Um 12 Uhr geht es dann weiter zum Brandenburger Tor, wo die Demonstration des „Unsterblichen Regiments“ stattfindet. Rund 600 Menschen tragen Fotos ihrer Vorfahren und singen das bekannte Partisanenlied „Katjuscha“ – eine bewegende Szenerie, die gleichzeitig die Kluft zwischen den Lager verdeutlicht.
Die Polizei hat aufgrund des Ukraine-Kriegs Uniformen und russische Fahnen bei den Gedenkveranstaltungen untersagt, was einige Teilnehmer nicht davon abhält, diese Auflagen zu ignorieren. Pro-ukrainische Aktivisten begleiten Netschajew und setzen sich vehement gegen die Kreml-Inszenierung zur Wehr. Der Tag ist ein Spiel zwischen Gedenken und politischer Realität, in dem die Spaltungen der Gegenwart deutlich werden.
Militärparaden und Machtspiele in Moskau
Parallel zu den Ereignissen in Berlin feiert auch Moskau den Sieg über Nazideutschland mit einer Militärparade. Dieses Jahr jedoch fällt die Veranstaltung kleiner aus als in den Vorjahren; keine Militärtechnik wird auf dem Roten Platz präsentiert, nur Fußtruppen marschieren. Die Atmosphäre ist angespannt, und viele Augen sind auf Wladimir Putins Rede gerichtet, die Antworten auf aktuelle Probleme verspricht. Politikwissenschaftler sprechen von einem Desaster für Putin, da die Parade stark mit seinen Erwartungen verknüpft sei und die geopolitische Lage ihn in eine enge Klemme bringt.
Erwartungen, dass die Ukraine mit einem Angriff auf den Roten Platz droht, heizen die Diskussionen an. In den letzten Wochen wurden russische Städte zunehmend von ukrainischen Drohnen angegriffen, und das Außenministerium warnt vor massiven Konsequenzen im Falle eines Angriffs auf die Parade. Dennoch bleibt Putin unnachgiebig, und der Tag dient ihm als Plattform, um Macht und Stärke zu demonstrieren.
Ein tagelanges Gedenken
Der 9. Mai bleibt ein Tag, an dem Erinnerungen und Narrative aufeinanderprallen. Während in Berlin der Gedenktag von einer Vielzahl von Stimmen begleitet wird, die von Schmerz, Stolz und Widerstand zeugen, bleibt Moskau ein Ort des pompösen Feierns und der Demonstration von Macht. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die aktuellen Konflikte in der Ukraine verschmelzen zu einem komplexen Bild, das sowohl in Berlin als auch in Moskau viele Fragen aufwirft. Der Tag endet, ohne eine klare Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart zu liefern. Wer weiß, was die nächsten Jahre bringen werden – die Welt ist im Wandel, und die Erinnerung bleibt ein Kampf um Deutungshoheit.