Im Herzen Berlins, unweit des quirligen Alexanderplatzes, steht ein Gebäude, das mehr ist als nur ein Wohnhaus. Der Komplex in der Memhardstraße 6–8, liebevoll von seinen Bewohnern „Memi“ genannt, ist ein eindrucksvoller Zeitzeuge der Architekturgeschichte der DDR. Hier lebt man in einem Betonkoloss, der 1984 nach den Plänen der Architekten Klaus Bläsing, Lothar Kwasnitza und Klaus Deutschmann vollendet wurde. Was für ein Unterschied zu heute! Während sich die Umgebung rasant verändert hat, zeugt das Gebäude von den Spuren der Großstadt – Beton, Abgase und die Zeichen der Zeit sind nicht zu übersehen.

Die Memi ist keine klassische Plattenbausiedlung, das wird schnell klar. In den frühen 1980er-Jahren war die große Phase des DDR-Massenwohnungsbaus bereits vorbei, und die Plattenbauten der WBS 70 entstanden eher am Stadtrand. Hier, im Zentrum, wurde auf das Baukastenprinzip weitgehend verzichtet. Die Memi besitzt ein tragendes Stahlskelett, an das die Betonplatten der Fassade nur vorgehängt sind. Diese Konstruktionsweise bringt eine gewisse Leichtigkeit mit sich, die bei näherem Hinsehen überrascht. Aline Fürstenberger, eine engagierte Studentin, hat in ihrer Diplomarbeit ausführlich darüber berichtet.

Ein Stück Geschichte im Alltag

Die Umgebung des Gebäudes hat sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. Die Bewohner des Memi erleben die ständige Transformation Berlins hautnah. Es ist, als ob das Gebäude selbst Geschichten aus einer anderen Zeit erzählt. Während in den 1970er Jahren die WBS 70 als Standardtyp für den Plattenbau konzipiert wurde, war die Memi ein Experiment, eine Abkehr vom üblichen Schema. Die WBS 70, die von der Deutschen Bauakademie und der Technischen Universität Dresden entwickelt wurde, sollte Einsparungen durch eine vereinheitlichte Bauweise ermöglichen. Aber in der Memhardstraße war man auf der Suche nach etwas Eigenem, einem besonderen Charakter.

Der WBS 70-Typ, in der DDR zwischen 1970 und 1990 populär, war für seine vielen Varianten bekannt – in Berlin-Lichtenberg etwa wurde die elfgeschossige Variante WBS 70-11 realisiert. Die Memi hingegen ist ein Unikat, das trotz seiner massiven Form eine gewisse Anziehungskraft ausstrahlt. Hier wohnen Menschen, die den Charme der Stadt und die Geschichte des Gebäudes schätzen. Die Mischung aus historischem Erbe und modernem Leben ist faszinierend.

Ein Blick ins Innere

Wer einen Fuß in die Memi setzt, wird schnell von der Atmosphäre gepackt. Die Wohnungen sind unterschiedlich geschnitten, und die Menschen, die hier leben, erzählen von ihren ganz persönlichen Geschichten. Es gibt Dreiraumwohnungen, die mit originalen Einrichtungsgegenständen aus DDR-Produktion ausgestattet sind, und die Atmosphäre erinnert an eine andere Zeit. Die WBS 70 hat nicht nur in Berlin, sondern in der gesamten DDR Spuren hinterlassen. Rund 1,52 Millionen Wohnungen wurden in Plattenbauweise errichtet, und etwa 644.900 davon waren WBS 70 – ein beeindruckender Anteil!

In der Memi zu wohnen bedeutet, Teil einer lebendigen Gemeinschaft zu sein, die sich den Herausforderungen des Alltags stellt. Auch wenn die alten Mauern von den Jahren gezeichnet sind, so schwingt in den Räumen ein Hauch von Nostalgie mit. Die Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart verleiht dem Wohngefühl eine ganz eigene Note.