In den letzten Zügen ihrer langen Geschichte wird die «MS Völkerfreundschaft», das erste Kreuzfahrtschiff der DDR, nun in Gent einer umweltfreundlichen Abwrackung unterzogen. Mit einem Recycling-Anteil von 97 Prozent wird das Schiff, das einst als Symbol für die Urlaubsreisen der DDR-Bürger diente, nun in seine Einzelteile zerlegt. Dieter Schumann, ein ehemaliger Jungmatrose, kann sich des Gefühls der Wehmut nicht erwehren, während er den traurigen Anblick des verfallenen Schiffs betrachtet. Die «MS Völkerfreundschaft» wurde 1973 in Schweden gebaut, war 160 Meter lang und zuletzt unter dem Namen «Astoria» unter portugiesischer Flagge unterwegs, bevor es fahruntauglich wurde.
Das Schiff wird zur Abwrackung zur Firma Galloo geschleppt, wo die ersten vier Decks bereits ausgeweidet sind und nun die Decksaufbauten abgebaut werden. Insgesamt werden 12.000 Tonnen Material, darunter Stahl, Holz, Glas und Plastik, aus dem Schiff gewonnen. Diese Abwrackung markiert das Ende einer Ära in der Geschichte der Kreuzfahrt und ist Teil eines Recycling-Prozesses, der bei vielen Schiffen ähnlich abläuft. Kreuzfahrtschiffe haben allerdings oft mehr Müll an Bord als andere Schiffstypen.
Ein Stück Geschichte
Die «MS Völkerfreundschaft» wurde 1959 von der DDR für etwa 21 Millionen schwedische Kronen erworben, nachdem sie 1946 als «Stockholm» das Licht der Welt erblickte. Bekannt wurde das Schiff 1956 durch eine Kollision mit dem italienischen Luxusliner «Andrea Doria», bei der 51 Menschen starben. 1960 wurde die «Völkerfreundschaft» schließlich in Dienst gestellt und 25 Jahre lang vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) betrieben. An Bord gab es zahlreiche Annehmlichkeiten, darunter Schwimmbäder, einen Frisiersalon, ein Veranda-Café, einen Kinosaal und medizinische Einrichtungen.
Insgesamt unternahmen etwa 280.000 DDR-Bürger Reisen mit dem Schiff, von denen viele auch zur Flucht genutzt wurden. 225 Passagiere und Besatzungsmitglieder flohen während Landgängen oder durch Sprünge von Bord. Gerd Peters, ein bekannter Kapitän, war zeitweise auf der «Völkerfreundschaft» tätig und erlebte die Unterschiede zwischen dem grauen Alltag der DDR und den exotischen Reisezielen, die das Schiff ansteuerte.
Ein Symbol des Sozialismus
Die «MS Völkerfreundschaft» war mehr als nur ein Urlauberschiff; sie war ein Herzstück der DDR-Kreuzfahrtflotte und ein Symbol für Begegnung, Bildung und Diplomatie. Die Besatzung bestand aus 220 jungen Leuten, und das Schiff konnte bis zu 550 Passagiere befördern. Die Reiseziele reichten von Riga über Leningrad bis nach Alexandria und Casablanca. Auch die schwedische Stena Reederei nutzte das Schiff zeitweise, um Devisen zu erwirtschaften. Insgesamt legte die «Völkerfreundschaft» beeindruckende 1,5 Millionen Seemeilen zurück, was 68 Erdumrundungen entspricht.
Mit der Abwrackung der «MS Völkerfreundschaft» geht nicht nur ein Schiff, sondern auch ein Stück Geschichte verloren, das die Erinnerungen und Geschichten vieler Menschen bewahrt hat. Die DDR-Kreuzfahrtschiffe spielten eine bedeutende Rolle über Urlaubsreisen hinaus und waren Plattformen für Kultur und Gemeinschaft. Projekte zur Sammlung und Digitalisierung von Materialien und Zeitzeugenberichten halten die Erinnerungen an diese Zeit lebendig.
Weitere Informationen und Geschichten rund um die «MS Völkerfreundschaft» sind auf der Plattform MS-Voelkerfreundschaft.de zu finden, die einen Zugang zu historischen Berichten, Fotos und Modellen bietet.