Gefangenenbefreiung in Berlin: Ein Blick auf die Schatten der Großfamilien
Am Dienstagmorgen um 9:30 Uhr wird das Amtsgericht Berlin zur Bühne eines aufsehenerregenden Verfahrens. Ein 23-jähriges Mitglied einer bekannten arabischen Großfamilie steht wegen Versuchs der Gefangenenbefreiung vor Gericht. Es hat sich vor rund zweieinhalb Jahren, genauer gesagt am 20. Dezember 2023, eine dramatische Szene im Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Berlin-Buch abgespielt. Dort sollte der 28-jährige Bruder des Angeklagten befreit werden. Die Aktion endete jedoch in einem Fiasko.
Die mutmaßlichen Täter schnitt mit Werkzeugen den Zaun des Krankenhauses auf, hebelten eine Tür auf und versuchten, das Fenstergitter der Zelle des Bruders zu durchtrennen. Doch als der Alarm ausgelöst wurde, flüchteten sie – unerkannt und ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Laut Berichten waren mindestens drei weitere Personen an diesem misslungenen Befreiungsversuch beteiligt. Die Anklagepunkte sind klar: Versuch der Gefangenenbefreiung und Sachbeschädigung stehen im Raum. Die Verhandlung soll sich über mehrere Termine bis zum 16. Juni 2024 erstrecken.
Die Auseinandersetzung mit der Realität
Besonders bemerkenswert ist die Reaktion der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Sie äußerte sich zu dem Vorfall und betonte, dass dieser auf eine Missachtung des Rechtsstaats durch die Großfamilie hinweist. Die GdP hofft, dass Videoaufzeichnungen zur Überführung der Täter beitragen können. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Strukturen innerhalb dieser Familien. Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba hat sich intensiv mit diesen arabisch-türkischen Großfamilien beschäftigt und kommt zu dem Schluss, dass die Kriminalität nicht innerhalb der Familien stattfindet, sondern in sogenannten „Sub-Sub-Clans“, die oft stark solidarisch zusammenhalten und von zentralen Führungspersonen geleitet werden.
Jarabas Forschung zeigt, dass die Großfamilien keine homogene Einheit sind. Viele Angehörige kennen sich untereinander nicht einmal. Innerhalb der Familien gibt es vielschichtige Meinungen und auch interne Kritik an straffälligen Verwandten. Man könnte fast sagen, dass die Kriminalität, die oft mit diesen Familien assoziiert wird, nicht die ganze Wahrheit repräsentiert. Nur ein kleiner Teil der Mitglieder ist tatsächlich kriminell, während der Großteil im Alltag mit Diskriminierung und Ausgrenzung zu kämpfen hat.
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Geschichte dieser Familien reicht bis in die Provinz Mardin in der Türkei zurück. Viele von ihnen haben aufgrund politischer Unterdrückung emigriert – erst in den Libanon und schließlich nach Deutschland. Hier leben sie oft als Geduldete, da ihre Asylanträge häufig abgelehnt werden. Das hat nicht nur ihre Lebensumstände geprägt, sondern auch ihre Sicht auf deutsche Institutionen: Das Vertrauen in den Staat ist gering, und viele fühlen sich aufgrund ihres Familiennamens unter Generalverdacht.
In der Berichterstattung über „Clankriminalität“ wird häufig das Handeln von Polizei, Politik und Justiz in den Vordergrund gerückt, während die eigentlichen Lebensrealitäten der Familien oft im Dunkeln bleiben. Es gibt zahlreiche Geschichten von Angehörigen, die sich für ein besseres Bild ihrer Gemeinschaft einsetzen und straffällige Verwandte öffentlich verurteilen. Diese ungleichen Darstellungen machen deutlich: Die Realität ist vielschichtiger, als sie oft wahrgenommen wird.
