Am 1. Mai erlebte die Familie Koch aus Aschaffenburg einen Tag, der alles andere als gewöhnlich war. Für sie und zwanzig weitere Besucher wurde die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen zum Ort einer unerwarteten Herausforderung. Früh am Morgen reisten Dominik Koch, seine Frau Sandra und die drei Kinder Linnea (15), Finnegan (18) und Matilda (17) nach Berlin. Sandra blieb aufgrund von Unpässlichkeit im Hotel, was für die anderen ein wenig schade war, denn sie verpasste das Spektakel, das sich im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis abspielte.
Die Führung begann um 16 Uhr und war, wie man es von einem Ort mit solcher Geschichte erwarten würde, eindrucksvoll. Doch dann, wie das Leben so spielt, kam es zu einem Stromausfall. Die Gruppe, die in einem der ehemaligen Besprechungsräume war, stellte plötzlich fest, dass die Türen verschlossen waren. Bei einem solchen Vorfall kann man sich gut vorstellen, wie die Unruhe in der Gruppe anstieg. Der Führer konnte niemanden erreichen, was die Situation nicht gerade erleichterte. Dominik und seine Kinder, voller Tatendrang, begaben sich auf die Suche nach einem Fluchtweg.
Ein unerwartetes Abenteuer
Nach einigem Herumirren und Erkunden des Gebäudes fanden sie schließlich einen Durchgang zum Museum und einen Weg zum Hof mit dem Haupttor. Doch auch hier war die Freiheit nicht einfach zu haben: Das Tor ließ sich nur elektronisch öffnen. Es war ein echter „Mission Impossible“-Moment, als die Gruppe, improvisierend und kreativ, die Steuerung überbrückte. Nach vier langen Stunden, die sich wie eine kleine Ewigkeit anfühlten, konnte die Gruppe das Gelände um 20 Uhr endlich verlassen.
Die Stasi-Gedenkstätte selbst bestätigte den Vorfall später und erklärte, dass es ein Missverständnis zwischen dem Führer und dem Wachschutz gegeben hatte. Trotz dieser ungewollten „Verlängerung“ ihres Besuchs ließen sich die Kochs nicht entmutigen. Am nächsten Tag unternahmen sie eine weitere Führung durch einen Fluchttunnel. Man kann sich nur vorstellen, wie spannend das für die Jugendlichen war – ein echtes Abenteuer in der Geschichte!
Geschichte zum Anfassen
Die Gedenkstätte in Hohenschönhausen erzählt die Geschichte eines Ortes, der nach der Friedlichen Revolution weitgehend im Originalzustand blieb. 1993, am 40. Jahrestag des Aufstands vom 17. Juni, wurde das Gefängnisgelände erstmals für das Publikum geöffnet. Seit Juli 1994 führen ehemalige politische Häftlinge durch die Gedenkstätte, und die Besucherzahlen sind während der Leitung von Hubertus Knabe von 50.000 auf über 450.000 pro Jahr gestiegen. Die Gedenkstätte beherbergt sowohl eine Dauerausstellung als auch Räumlichkeiten für Veranstaltungen und hat sich zu einem wichtigen Lernort entwickelt.
Besonders Schüler aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg interessieren sich für die Geschichte, doch auch ausländische Besucher aus Dänemark, Norwegen und Großbritannien finden ihren Weg dorthin. Die Führungen bieten nicht nur Einblicke in die Haftbedingungen, sondern auch die Möglichkeit, durch Zeitzeugen mehr über die Lebensrealitäten in der DDR zu erfahren. Ein Beispiel dafür ist ein ehemaliger Häftling, der Besucher durch den Neubau des Gefängnisses führt und seine Erlebnisse teilt. Er beschreibt die ersten Wochen in Haft als „schlimm“ und behandelt seine Wunden mit Urin – eine grausame Realität, die weit weg von unserem heutigen Verständnis von Menschlichkeit ist.
Ein Ort der Erinnerung
Die Gedenkstätte ist mehr als nur ein Besucherort; sie ist ein Raum des Gedenkens und der Reflexion. Im Jahr 2006 wurden Tafeln zum Gedenken der „Opfer der Kommunistischen Diktatur“ aufgestellt, und 2009 wurde sie zum „Ausgewählten Ort der Initiative Deutschland – Land der Ideen“ erklärt. Solche Auszeichnungen sind wichtig, denn sie erinnern uns daran, dass die Freiheit, die wir heute haben, auf den Kämpfen der Vergangenheit basiert.
Heute, am 5. Mai 2026, bleibt die Gedenkstätte ein lebendiger Ort der Bildung und Erinnerung. Es ist ein Platz, an dem Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch gefühlt und verstanden wird. Ein Ort, der die Besucher nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Emotionen zurücklässt. Die Erlebnisse der Familie Koch sind nur ein kleiner Teil der vielen Geschichten, die dieser Ort zu erzählen hat. Und so wird die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen auch weiterhin ein wichtiger Anlaufpunkt für alle, die die tiefen Wunden der Vergangenheit verstehen möchten.