Die Berliner Opferberatungsstelle Reach Out hat alarmierende Zahlen veröffentlicht, die die Debatte über rassistische und rechtsextrem motivierte Gewalt in der Hauptstadt neu entfachen. Im Jahr 2024 wurden 358 Angriffe registriert, was im Vergleich zu 328 im Jahr 2023 einen besorgniserregenden Anstieg darstellt. Diese Übergriffe, die in verschiedenen Lebensbereichen wie öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten und sogar Restaurants stattfanden, haben mindestens 545 Menschen betroffen, darunter 25 Kinder und 43 Jugendliche.
Besonders auffällig ist der Bezirk Mitte, der mit 67 Angriffen der Schwerpunkt des Geschehens war, gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg mit 64 und Lichtenberg/Hohenschönhausen mit 37. Die überwiegende Mehrheit der Angriffe war körperlicher Natur: 217 Fälle von Körperverletzung, 101 gefährliche Körperverletzungen und 37 massive Bedrohungen wurden dokumentiert. Über die Hälfte dieser Angriffe, nämlich 208 von 358, wurden als rassistisch motiviert eingestuft, was die besorgniserregende Dominanz von Rassismus als Tatmotiv unterstreicht.
Rassismus und seine Facetten
Die Zahlen zeigen auch, dass es mindestens 37 antimuslimische und 28 Angriffe gegen schwarze Menschen gab. Darüber hinaus wurden in 71 Fällen Menschen als politische Gegner ins Visier genommen, und 65 Fälle betrafen Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen und Transpersonen. Ein konkretes Beispiel ist der Vorfall am 1. April 2025, als eine Frau mit ihrem Kind in Hohenschönhausen wegen antimuslimischen Rassismus belästigt wurde. Solche Übergriffe sind leider kein Einzelfall, sondern Teil eines besorgniserregenden Trends.
Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Taten ist hoch, wie Reach Out betont. Ein erschreckender Aspekt bleibt die häufige Täter-Opfer-Umkehr, die von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten beklagt wird. Dies führt nicht nur zu einer Einschüchterung der Betroffenen, sondern kann auch deren Bleiberechtsperspektiven gefährden, insbesondere für Menschen im Asyl- und Aufenthaltsverfahren.
Gesamtgesellschaftlicher Kontext
Die Situation in Berlin spiegelt sich im bundesweiten Kontext wider. Im Jahr 2024 wurden in insgesamt 12 von 16 Bundesländern 3.453 Angriffe registriert, was einen Anstieg von 24% im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Besonders besorgniserregend ist die Zunahme politisch motivierter Angriffe, die um 72% auf 542 Fälle gestiegen sind. Auch die Angriffe auf LGBTIQ*-Personen haben um 40% zugenommen. Diese Daten verdeutlichen, dass Rassismus und andere diskriminierende Einstellungen in der Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet sind.
Parto Tavangar von Reach Out fordert daher nicht nur eine konsequente Strafverfolgung, sondern auch Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen, wie amtliche Auskunftssperren und die Unkenntlichmachung persönlicher Daten. Nur so kann ein sicherer Raum für alle Menschen in Berlin geschaffen werden. Die Beratungsstelle hat im vergangenen Jahr 1.042 Gespräche mit Betroffenen geführt und geht von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Vorfälle aus Angst vor Repressalien nicht gemeldet werden.
Die Zahlen sind alarmierend und werfen einen Schatten auf die gesellschaftliche Realität in Berlin und darüber hinaus. Es ist an der Zeit, dass Politik und Gesellschaft gemeinsam gegen diese Gewalt vorgehen und den Opfern eine Stimme geben.