65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Ein Fest der Erinnerung an die erste Einwanderergeneration in Berlin
Am 30. Oktober 1961 wird in Bad Godesberg ein Vertrag unterzeichnet, der die Geschichte der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland für immer verändern sollte. Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen wurde während der dritten Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer ins Leben gerufen. Ein Abkommen, das zunächst auf lediglich zwei Jahre befristet war, entwickelte sich schnell zu einem entscheidenden Faktor für die deutsche Wirtschaft. In den darauffolgenden Jahren strömten rund 867.000 Menschen aus der Türkei in die Bundesrepublik, von denen etwa 82.000 in West-Berlin landeten. Eine wahre Welle der Migration, die in der boomenden Nachkriegswirtschaft ihren Ursprung hatte und den Bedarf an Arbeitskräften in einer geteilten Stadt decken sollte. Der große Arbeitskräftebedarf in West-Berlin war durch die Teilung der Stadt besonders ausgeprägt.
Bis Ende 1961 hatten sich 284 Menschen aus der Türkei in West-Berlin niedergelassen, doch dann ging es richtig los. Die Anwerbung kam gerade recht, denn der Arbeitskräftemangel war enorm – nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft und im Bergbau. In den frühen 70er-Jahren fanden viele türkische Migranten Beschäftigung als Industriearbeiter in bedeutenden Branchen wie der Elektroindustrie, Metallverarbeitung, Maschinenbau und Nahrungsmittelindustrie. Unternehmen wie AEG und Siemens, aber auch die Berliner Verkehrsbetriebe, waren große Arbeitgeber dieser damals neuen Arbeitnehmergruppe.
Ein neuer Lebensweg
Die ersten Anwerber wurden als „Gastarbeiter“ bezeichnet – ein Begriff, der sich schnell einbürgerte. Ursprünglich plante man eine Rotationsmigration, doch die Realität sah anders aus. Die meisten blieben und gründeten Familien. 1964 wurde daher das Abkommen geändert: Die Befristung fiel und der Familiennachzug wurde erleichtert. In Berlin leben heute rund 210.000 Menschen mit Türkeibezug – die größte migrantische Community der Stadt. Über 100.000 von ihnen besitzen die türkische Staatsangehörigkeit.
Cansel Kiziltepe, die Sozialsenatorin, hat einen ganz persönlichen Bezug zur Geschichte der ersten Einwanderergeneration. Ihr Vater kam 1961 aus der Türkei nach Deutschland und hat, wie viele seiner Landsleute, hart gearbeitet und viele Entbehrungen auf sich genommen. Sie setzt sich leidenschaftlich für ein Migrationsmuseum in Berlin ein, um der Geschichte dieser Menschen einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur zu geben. Wie sie sagt, die erste Einwanderergeneration ist ein wichtiger Teil der Entwicklung Berlins. Und das hat auch die Stadt selbst nicht vergessen.
Ein Fest der Erinnerung
Am 30. Oktober 2026, also genau 65 Jahre nach der Unterzeichnung des Abkommens, ist eine Festveranstaltung im Roten Rathaus geplant. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, Kiziltepe und die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial wollen die Lebenswege und Leistungen der ersten Einwanderergeneration würdigen. Ein wichtiger Schritt, um die kulturelle Vielfalt Berlins zu feiern und die Bedeutung der türkischen Community für das Stadtleben zu erkennen.
Die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte war nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine humanitäre Antwort auf die Herausforderungen beider Länder. Die Türkei erhoffte sich von dem Abkommen Deviseneinnahmen und eine Entlastung des heimischen Arbeitsmarktes. Diese Aspekte waren im Kontext des Kalten Krieges und der geopolitischen Bedeutung der Türkei als NATO-Mitglied von entscheidender Bedeutung. Die Initiative für das Abkommen ging vor allem von der Türkei aus, die mit hohen Arbeitslosenzahlen und einem rasanten Bevölkerungswachstum kämpfte.
Die Folgen der Migration
Die Anwerbung führte dazu, dass türkische Arbeitskräfte nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Bauwirtschaft und im Dienstleistungssektor Fuß fassten. Ab 1973, als die Anwerbung gestoppt wurde, nahm der Familiennachzug zu – über 53 Prozent der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland kamen auf diesem Weg. Heute zählt die Türkei zu den größten Herkunftsländern unter den Migranten in Deutschland. Doch trotz der Erfolge gibt es auch Herausforderungen: Die Integrationsindikatoren für Menschen türkischer Herkunft sind im Vergleich zu anderen Gruppen oft niedriger.
Die Geschichte der türkischen Einwanderer in Berlin ist also vielschichtig – geprägt von Träumen, Herausforderungen und einem unermüdlichen Streben nach einem besseren Leben. Sie haben die Stadt, in der sie leben, mitgeprägt und nach ihren Vorstellungen gestaltet. Oft mit einem Hauch von nostalgischem Wehmut, aber auch mit einem strahlenden Blick in die Zukunft. Berlins Straßen und Plätze erzählen Geschichten von Hoffnung und harter Arbeit, von Menschen, die dem Ruf einer neuen Heimat gefolgt sind. Und das ist es, was diesen Tag so besonders macht.
